Dann wird es still sein – „Der Preis des Menschen“ im Marstall (Kritik)

Lange dauert „Der Preis des Menschen“ im Marstall des Residenztheaters nicht, gerade einmal 70 Minuten. Dass das Werk auf die Bühne kommt, ist da schon ein deutlich längerer Prozess, denn eigentlich war es für den April angedacht. April – Lockdown, alles stillgelegt, vergessen wir das schnell. Nun gilt es zwar, neu zu inszenieren und umzudenken, aber daran soll es wahrlich nicht scheitern und daher fand die Premiere am 11. Oktober 2020 doch noch statt.

© Sandra Then

Spannend wird es schon beim Text, denn dieser stammt von Thiemo Strutzenberger, seines Zeichens Ensemble-Mitglied im Residenztheater – im Schauspiel. Auch das zeichnet Andreas Beck als Intendanten aus; er bietet seinen Künstlern die Möglichkeit, sich auszutesten und dies eben auch mehrgleisig weiterzuführen. Strutzenberger hatte damit bereits in Basel Erfolge und führte diese nun in München weiter. Und durchaus – der Text ist es auch, der den Darsteller*innen genug Raum gibt, tatsächlich performativ aktiv zu werden und facettenreich zu spielen. Denn die grundsätzliche Frage steckt schon im Titel des Stückes: Was ist ein Mensch wert? Ist er zu bezahlen? Kann ein Mensch überhaupt Ware sein? Das Grundgesetz gibt darauf mittlerweile eine klare Antwort im ersten Artikel: die Würde des Menschen ist unantastbar. Doch zur Zeit der Sklaverei gab es das logischerweise noch nicht und die verschiedenen Meinungen und Strömungen zeigen sich letztendlich in den Personen, die Strutzenberger aufeinandertreffen lässt: vom Sklavenhändler Alberto de Magalhaes bis zur rebellischen Herzogin Elisa de Montfort.

© Judith Bass

Ein Feuerwerk liefert hier vor allem das Ensemble. Juliane Köhler als naive Gräfin Angela de Lima begeistert genauso wie ihr windiger Gatte Graf von Santa Barbara, mit ordentlich Nebeleinsatz gespielt von Michael Goldberg. Dem gegenüber stellen sich die rebellische Herzogin in Form von Barbara Horvath, die sind um den Sklavenhändler Alberto kümmert – anfangs scheinbar verführerisch, zum Ende als resolute Rebellin. Michael Wächter gewinnt an diesem Abend wohl am meisten Aufmerksamkeit und Anerkennung, so impulsiv, wechselhaft und passend-überkandidelt gibt er den Alberto. Als zusammenführende Handlung der verschiedenen Personen dient Valentino Dalle Mura als der Herzogin Diener Pedro da Silva. Einerseits der Herzogin untergeben, andererseits der uneheliche Sohn der Gräfin, dann auch der ehemalige Besitz von Alberto und selbst der Abt Padre Dinis (Steffen Höld), der an der Novizin Francisca (Massiamy Diaby) zweifelt, war an der damaligen Rettungsaktion vor dem wütenden Grafen beteiligt. Letztendlich findet er sich selbst doch an der Seite der Herzogin als Mit-Revolutionär und Verteidiger der kommenden, neuzeitlichen Werte, die Freiheit nicht am Preis messbar machen, sondern als Allgemeingut.

Es ist eine Parabel, eine Utopie in der Vergangenheit – bis zur tatsächlichen Revolution sollte es noch viel zu lange dauern. „Wie viel ist dein Outfit wert?“, fragt der Musiker Felix Kummer in seinem gleichnamigen Song. Und letztendlich sollte man froh sein, dass mittlerweile solche Preisfragen essenzieller sind als die über das Leben.

Kritik: Ludwig Stadler