Wohnst du noch oder fühlst du schon? – „Der Mieter“ im Marstall (Kritik)

Eine Wohnungssuche in München, das weiß jeder, der in dieser Stadt zuhause ist oder war, kommt einer kleinen Odyssee gleich. Trelkovsky ist ein unscheinbarer Büroangestellter und hat selbiges Problem in Paris. Er wird in einem verfallenen Gebäude fündig, muss dann allerdings feststellen, dass er langsam verrückt wird. Oder sind alle Anderen verrückt, die sich beklagen, man wäre zu laut? In Roland Topors Roman „Der Mieter“ von 1964 wird genau diese Situation beschrieben. Bekannt wurde der Stoff allerdings erst durch die Verfilmung von Roman Polanski, mit ihm selbst in der Hauptrolle, im Jahr 1976. Am 24. November 2018 feierte das Stück im Marstall des Residenztheaters Premiere.

© Armin Smailovic

Blanka Rádóczy, Absolventin der Theaterakademie August Everding, ist eine junge Regisseurin für Musiktheater und Schauspiel und Bühnenbildnerin, die die Atmosphäre dieses Films nun auf die Bühne des Marstalls bringt. Sie zeigt, mit kleinem Ensemble (Aurel Manthei, Cynthia Micas, René Dumont, Joachim Nimtz und Anna Graenzer), das ewige Phänomen des Eindringlings, aber auch das Dilemma der menschlichen Existenz: Wer lebt, der stört. Der Mieter Trelkovsky will Teil der Hausgemeinschaft werden und geht daran langsam zugrunde.

Zunächst der größte Haken: Noch ist die Wohnung gar nicht frei. Er stellt sich der Nachbarschaft und dem Vermieter, der mit im Haus lebt, vor. Diese legen Wert auf ein möglichst lautloses Leben. Am besten, Trelkovsky würde ohne Geräusche existieren. Während auf der Gemeinschaftstoilette seltsame Dinge geschehen, driftet das Stück langsam in die Surrealität. Die eigentliche Mieterin war aus dem Fenster der Wohnung gesprungen und liegt nun schwer verletzt im Krankenhaus. Sie lebte noch. Also musste Trelkovsky warten. Endlich erreichte ihn die Nachricht, dass die Mieterin Simone Choule verstorben sei und erst mit ihrem Tod beginnt Trelkovskys neues Leben. Er wird Mieter. Sein vermeintliches Glück stellt sich jedoch als Alptraum heraus.

© Armin Smailovic

Nach und nach bricht Trelkovskys soziales Umfeld und dann sein gesamtes Leben ein. Überall wird er daran erinnert, dass Leben (Zer-)Stören heißt. Auch scheint seine Vormieterin nun in ihm weiterzuleben. Zwischen kotbeschmierten Treppenstufen und dem symphonischen Wutklopfen der Nachbarn löst sich Trelkovskys Identität Schritt für Schritt auf.

Eine Inszenierung, die ohne Zweifel düster anmutet und in der sich das Schicksal des Mieters Trelkovsky, wie von Topor entworfen, auch erfüllt. Dabei bringt Blanka Rádóczy einen gelungenen Einfall in das von ihr selbst entworfene Bühnenbild ein. Eine erhebliche Fläche der Bühne war mit einer langen Folie bedeckt, den Innenhof oder auch das Glasdach beschreibend, auf das sich die Vormieterin Simone gestürzt hatte. Die Wohnung, in der sich diese Psychose abspielt, ist durch die Größe des Innenhofes, beziehungsweise durch die Plastikplane, so dicht an das Publikum herangerückt, dass ein Gesamteindruck eines geschlossenen Bühnenbildes ausbleibt. Die alltägliche Situation der Mietbewerbung lädt sich derart mit infernalischem Witz und psychotischem Horror auf, bis Normalität und Wahnsinn ununterscheidbar sind. Es gibt nur eine Gewissheit: Nachbarn (und verrückt) sind wir alle.

Kritik: Carolina Felberbaum