„Lass uns hineingehen – Musik!“ – „Der Kaufmann von Venedig“ im Volkstheater (Kritik)

Am 27. Oktober 2019 feierte „Der Kaufmann von Venedig“ im Münchner Volkstheater Premiere. Das Stück von William Shakespeare wurde im Jahr 1600 das erste Mal aufgeführt und seitdem immer wieder von verschiedenen Theatern gespielt. Die Inszenierung und Interpretation im Volkstheater kann sich durchaus sehen lassen.

© Arno Declair

Das Stück, das knapp zwei Stunden geht, dreht sich dabei um den venezianischen Kaufmann Antonio (Silas Breiding) , der seinem Freund Bassiano (Jonathan Hutter) helfen will, die begehrte Porzia (Carolin Hartmann), eine reiche Adlige, zu heiraten, was mit 3000 Dukaten zu Buche schlagen würde. Leider hat er das Geld nicht, da sich all seine Schiffe derzeit auf hoher See befinden und erst später einlaufen, so bleibt ihm nichts anderes übrig als sich bei seinem Erzfeind, dem Juden Shylock (Pascal Fligg), den er regelmäßig verspottet und demütigt, die 3000 Dukaten zu leihen. Dieser bietet ihm sogar ein besonderes Geschäft an: Anstatt auf Zinsen zu bestehen, verlangt er als Pfand nur ein Pfund Menschenfleisch, und zwar von Antonio. Dieser willigt in das Geschäft ein ,da er sich sicher ist, dass seine Schiffe rechtzeitig ankommen werden.

Während sich nun Bassiano auf den Weg zu Porzia macht, verführt der junge Lorenzo (Vincent Sauer) die Tochter des Shylocks und flieht mit ihr, ja, lässt sie sogar zur Christin umtaufen. Der Hass Shylocks wächst, und gerade, als Bassiano das Herz der Porzia erobert hat, erreicht ihn die Nachricht, das sämtliche Schiffe Antonios gesunken sind. Dieser macht sich mit Prozias Geld sofort auf den Heimweg, um Shylock auszubezahlen, doch es ist bereits zu spät: Der Vertrag ist ausgelaufen und er besteht nun darauf, dass er eingehalten wird, um sich endlich an demjenigen zu rächen, der ihn jahrelang gedemütigt hat. Es kommt zur Gerichtsverhandlung, in der die verkleidete Prozia als Richter auftritt. Sie gibt Shylock recht, allerdings nur wenn er es schafft, nicht einen Tropfen Blut beim Herausschneiden zu vergießen, ansonsten fällst sein gesamtes Vermögen dem Staat zu und er wird hingerichtet. Antonio macht ihm ein letztes Angebot: Er lässt ihn mit der Hälfte seines Geldes gehen, aber nur, wenn dieser es nach seinem Tod seiner Tochter vermacht. Gebrochen gibt Shylock auf.

© Arno Declair

Das gesamte Stück spielt dabei, quasi ohne Kulisse, auf einer Bühne, die lediglich im hinteren Teil mit drei Drehtüren versehen ist. Diese sind zwar sehr einfach von Stefan Hageneier gestaltet wurden, ebenso wie die Kostüme, da die Männer eigentlich nur moderne Anzüge tragen, was allerdings den Flair einer elitären Oberschicht sehr gut betont. Das Ergebnis ist, dass die Imagination den größten Teil des Geschehens abbildet, da es eigentlich nur Dialoge gibt. Diese sind jedoch so gut und eindringlich gespielt, dass kein Problem ist. Besonders die Leistung von Pascal Fligg muss dabei gelobt werden: Er spielt den Juden Shylock, der permanent nur gedemütigt und erniedrigt wird und der einmal die Zügel in der Hand zu halten scheint, mit Bravour, schwankt zwischen Sieg und Niederlage hin und her, und verwandelt sich schließlich doch von einem siegessicheren Mann in eine gebrochene Gestalt, der alles genommen wurde. Auch die Leistung der anderen Schauspieler lässt sich sehen, besonders auch Carolin Hartmann, die der exzentrischen Porzia Leben einhaucht und stets zwischen Witz und Erotik schwebt, eine femme fatale, die man nicht ernst nehmen kann. Hier muss nun das Skript angesprochen werden: zwar wird der Originaltext von Shakespeare großteils übernommen, aber an manchen Stellen modernisiert, zum Beispiel mit Sätzen wie „Halt dein Maul, du Arschloch“ oder auch den Witzen Porzias. Anfangs irritiert es, aber schnell merkt man, dass es funktioniert und so den etwas altbackenen Charakteren eine Menge Leben einhaucht, größtenteils, ohne albern oder aufgesetzt zu wirken.

Besonderes Lob aber verdient auch Tom Wörndl, der die Musik für das Stück komponierte, und diese trägt das Stück wirklich. Geradezu cineastisch anmutend unterstützt sie die fließenden Szenenwechsel durch die Drehtüren, ebenso wie die Stimmungen der einzelnen Dialoge. Ob nun aufbrausend – treibend oder nachdenklich und melancholisch, die Musik schafft es, die Figuren und Schauplätze zum Leben zu erwecken.

Insgesamt, so kann man es sagen, ist dem Volkstheater und Regisseur und Intendant Christian Stückl ein wirklich starkes Stück gelungen. Besonders zu betonen ist, dass, trotz der aktuellen Thematik über Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus, dem Stück kein gehobener Zeigefinger aufgesetzt wurde, nein, man hat es für sich wirken lassen. So entsteht, dank großen Talents von allen Seiten, ein eindringlicher, amüsanter und nachdenklicher Abend, der für jeden etwas zu bieten hat.

Kritik: Cedric Lipsdorf