Kissenschlacht auf der Opernbühne – „Der Barbier von Sevilla“ im Gärtnerplatztheater (Kritik)

Eine opera buffa, etwas Unterhaltsames, um sich zu amüsieren: so kennt man den „Barbier von Sevilla“. Nachdem Gioachino Rossini sich dieses zu seinen Lebzeiten bereits beliebten Stoffes einmal angenommen hatte, floss die Oper in nur wenigen Wochen geradezu aus seine Feder. Genau so ergeht es einem in der neuen Inszenierung von Josef E. Köpplinger am Gärtnerplatztheater – sie vergeht wie im Flug. Wild und bunt geht es in den Inszenierungen, die der Chef des Hauses übernimmt, meistens zu, und so ist auch dieser Abend optisch und musikalisch ein Fest.

© Christian POGO Zach

Das Setting: eine Kulisse aus riesiger Kaktustapete, die an den Wilden Westen oder wenigstens die Wüste erinnert, dazu die Kostüme (Alfred Mayerhofer) im Stil der 60er Jahre: schrille und knallige Farben mit Föhnlocke und aufregendem Make-Up. In dieses Setting braust dann auch gleich Matija Meić auf einem kleinen Moped mit vorlauter Hupe als titelgebende Rolle. Gleich von Beginn an wird er als lustiger Lebemann präsentiert. Hieße die Oper „Der Barbier von München“, dann würde Figaro den Tag mit einem Aperölchen am Gärtnerplatz verbringen, so passend wie die Freude hier ausgedrückt wird. Zwischen den leichten Damen, die Figaro alle persönlich zu kennen scheint, und einer Kinderbande á la Oliver Twist, die ihm Diebesgut gegen Süßigkeiten aushändigen, trifft der Barbier auf seinen ehemaligen Herren, den Grafen Almaviva (Gyula Rab). Wurde ihm seine Zerstreutheit früher zum Verhängnis, kommt es dem Figaro nun ganz gelegen, dass er auf jeder Hochzeit tanzt und in jeden Tratsch eingeweiht ist, denn der Graf ist seiner Angebeteten nachgereist und möchte sich ihr nähern. Und wer wäre da ein besserer Wingman ans der Hausfriseur?

Das Problem: Zwischen Graf und Dame steht der unangenehme ‚Dotore‘ – man kennt ihn aus der commedia del arte. Der ist nämlich hinter der jungen Frau her, die eigentlich als Mündel in seiner Obhut stehen sollte. So wie Dieter Fernengel den Diener des Doktor Bartolo spielt, möchte man erst meinen, dies sei der Hausherr, denn er wird als schrulliger Tollpatsch inszeniert. Doch auch Bartolo selbst gibt in Levente Pálls Darstellung als affektgesteuerter Kauz genau das dazu, was die Komödie braucht. All dem die Krone setzt Jennifer O’Loughlin als Rosina auf – sie tritt als von Liebe und Sehnsucht trällernde Jungfer auf und ist in ihrer Übertreibung einfach herrlich anzusehen. Diese Darstellung fügt sich wunderbar in die Kulisse der Doktorenwohnung. So sehr die Stadt nämlich von den Stacheln der Kakteen dominiert ist, so quillt Rosinas Reich über von blumiger Ästhetik und rosaroter Mädchenwelt. Mit diesem aufgebauschten Stil werden Bühnenbildner Johannes Leiacker und Regisseur Köpplinger der musikalischen Vorlage und dem Librotto voll und ganz gerecht.

© Christian POGO Zach

Es mag Opern geben mit steifen Sängern und wenig Bewegung in viel zu pompösen Bühnenbildern, aber nicht diese, denn auch Musik und Text strotzen nur so vor Übertreibung. So schwingt, protzt, braust und schunkelt die Musik unter Dirigent Michael Brandstätter nur so dahin und man kann die Freude der Musiker*innen des Orchesters des Staatstheaters am Gärtnerplatz an diesem fröhlichen Stück und daran, endlich wieder zu spielen, hören. Es ist wirklich alles dabei, was so ein Lustspiel braucht: Intrigen, Eifersucht, Verzweiflung, Verwirrung und am Ende kriegen sich natürlich die Liebenden! Bis dahin vergehen zwei Akte. Im ersten werden ausführlich und gewissenhaft die Figuren vorgestellt und die Handlung wird vorbereitet. Der Erste Akt endet schließlich mit einem gescheiterten Einschleichungsversuch des Grafen und einem Wimmelbild von Statisten als Stadtwache, dass ein wenig an einen Hühnerhaufen erinnert, sei’s drum. Vor allem im Vergleich zu den verworrenen Handlungssträngen vieler anderer Opern ermöglichst diese klare Handlungseinführung, trotz italienischer Sprache und deutscher Übertitel, einem breiten Publikum den Zugang zur Handlung. Im Zweiten Akt nimmt diese dann Fahrt auf. Barbier und Graf müssen aufs Ganze gehen, um die voreilige Hochzeit des Doktors mit der naiven Rosina, die auch noch jede Manipulation glaubt, zu verhindern. Der Bartolo hat Wind von seinem Nebenbuhler bekommen und schäumt vor Wut und Paranoia. Allein für die Szene, in der Páll dem Publikum durch sein Talent, besonders schnell die Töne und Worte herauszublubbern, ein unheimliches Vergnügen bereitet, lohnt sich der Besuch! Auch beim zweiten Versuch sich einzuschleichen wird der Graf schließlich entdeckt und es folgt ein Schlagabtausch zwischen Bartolo und der Achse des Guten, bestehend aus Graf, Rosina und Figaro. Dieser Kampf der Stimmen wird durch eine Kissenschlacht rosafarbener Rüschenwolken begleitet. Das bringt die Oper symbolisch ganz gut auf den Punkt.

Besonders schmunzeln mag man, wenn die Tarnung des Grafen darin besteht, sich als Musiklehrer auszugeben. Wie spielt denn ein Berufssänger in einer Oper einen Musiklehrer? Übertrieben feminin. Das mag Rückschlüsse darauf zulassen, wie Opernsänger öffentlich wahrgenommen werden. Zum Schluss schafft es die Allianz aus Graf und Barbier natürlich die schöne Jungfrau zu retten, in einer spektakulären Flucht mit Notheirat. Hier geht die Inszenierung vielleicht etwas zu weit mit der Komik, sodass sie ein kleines bisschen albern und over the top wirkt. Der guten Laune tut das keinen Abbruch: im Schlussapplaus baden Publikum und Ensemble gleichermaßen in Vergnügen und Spaß über eine so einen herrlichen Abend.

Kritik: Jana Taendler