Der seidene Faden – Filmkritik

(3 / 5)

© Universal Pictures Germany

Regisseur/in: Paul Thomas Anderson

Genre: Drama

Produktionsland: USA

Kinostart: 01. Februar 2018

Laufzeit: 2 Std. 10 Min.

Daniel Day-Lewis zweite Zusammenarbeit nach „There Will Be Blood“ mit dem eigenwilligen Regisseur Paul Thomas Anderson ist gleichzeitig auch seine letzte. Denn einer der besten Schauspieler unserer Gegenwart hat sein frühzeitiges Karriereende mit nunmehr 60 Jahren angekündigt. Umso mehr steigen natürlich die Erwartungen – hat er sich mit „Der seidene Faden“ einen würdevollen Abgang beschert? Die kurze Antwort: definitiv. Von Glück reden kann man allerdings, dass es nicht auch Andersons letzter Film gewesen sein soll, denn dieser scheint sich in seinem neuesten Werk auf Kosten von starken Charakteren und einer verzwickten, aber in sich vollkommen schlüssigen Geschichte (wie wir es in seinen frühen Filmen vorfanden) verträumt der puren Ästhetik hinzugeben.

Der erfolgreiche Damenschneider Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis) lebt mit seiner Schwester Cyril (Lesley Manville) im London der 50er-Jahre. So beruflich begehrt er in der Modewelt auch ist, privat scheitert eine Affäre nach der anderen. Doch dann kommt die selbstbewusste Alma (Vicky Krieps) in sein Leben und weiß dieses ordentlich umzukrempeln. Während sie für Reynolds zum einen als Ankerpunkt für frische Inspiration erblüht, stellt sie ihn doch gleichzeitig auch mit ihrer eigenwilligen Persönlichkeit gewaltig auf die Probe, wenn der Kontrollfreak seinen Alltag nicht mehr in gewohnte Bahnen lenken kann.

© Universal Pictures Germany

Dass Paul Thomas Anderson mit seinem neuesten exaltierten Protagonisten Namens „Woodcock“ eine Fleischwerdung feingeschliffener Edel-Männlichkeit erschaffen wollte, erweist sich schnell als unübersehbar. Reynolds ist stilbewusst, wortgewandt und am wichtigsten: ein Perfektionist, der die Fertigung seiner Kleider aus Eigenmarke akribisch kontrolliert. So kommt es allerdings auch, dass beispielsweise sein kompletter Tagesablauf durch das zu laute Beschmieren eines Toasts mit Butter beim Frühstück aus den Fugen zu geraten scheint. Schwester Cyril (von Reynolds witzigerweise passend sinnbildlich „altes Haus“ genannt) weiß nicht nur auf Augenhöhe mit ihrem Halbautisten-Bruderherz umzugehen, sondern fährt als unverheiratete Frau einen ähnlich hölzernen Lebensstil. Die junge, dynamische Alma hingegen bringt Risse in diesen festgefahrenen Kosmos, als sie die künstlich-selbstbewusste Fassade von Woodcock erkennt – und versucht, ihn außerhalb dieser maskulin-unelastischen Maskerade kennenzulernen. Doch dieser Weg erweist sich für den Zuschauer schnell als mindestens genauso schwerfällig wie für die Charaktere selbst, denn eines muss man Anderson lassen: Bei den Realisierungen seiner Leitmotive ist er (leider) allzu konsequent. Und so ist fast der gesamte Film, um den erzwungen gelassenen Gemütszustand eines eigentlich innerlich brodelnden Protagonisten zu reproduzieren, ein pedantisches Schnarchkonzert. Die viel zu subtile Dramaturgie mit cineastisch insuffizienten Höhen und Tiefen bietet keinerlei Möglichkeit auf emotionale Identifikation und die assistierende, nahtlos zwischen Szenen verlaufende Musik wirkt nahezu wahllos eingesetzt, als hätte man den Film während eines Klassik-Impro-Konzertes ablaufen lassen.

© Universal Pictures Germany

Der seidene Faden“ versucht sich durch unangenehme Situationen und bizarre Dialoge zwischen zwei irgendwie verschiedenen, aber doch konvergierenden Menschen zu ernähren. Das Problem: So interessant sind diese Charaktere eigentlich gar nicht – oder zumindest nicht die eindimensionale Variante von ihnen, welche uns aufgetischt wird. Das Konzept ist rasch durchschaut und vergebens sucht man die ersten zwei Drittel des Films nach einem Ausbruch aus der Konvention, einem mutigen Schritt in die eine oder andere Richtung, nach einer neuen Sichtweise auf die Dinge. Und wenn es dann durch ungünstiges Timing im letzten Drittel tatsächlich einmal soweit ist, wirkt es nur noch aufgesetzt und farblos. Statt der interessanten Form von „ungemütlich“ und einem nervenaufreibenden Fremdscham, wie es bspw. Michael Haneke immer wieder meistert, finden wir hierbei vor allem die Version vor, welche dem Publikum kaum neue Erkenntnisse liefert und allzu schnell repetitiv wird. Klar, es gibt sie: die verheißungsvollen Sequenzen, wenn es mal ein wenig zur Sache geht (ein Streit über die Zubereitung von Spargel lässt ironischerweise etwas tiefer blicken), im Allgemeinen lernen wir die beiden Hauptdarsteller aber kaum kennen.

© Universal Pictures Germany

Zeitweise scheint Regisseur Anderson sich gar hinter seiner drollig obsessiven Mauer aus Ästhetik zu verschanzen und dabei das Gesamtwerk aus den Augen zu verlieren. Das erste Mal neben der Regie auch für die Bildkomposition zuständig, liefert er absoluten Perfektionismus in jedem noch so kurzen Shot und zeichnet wie selbstverständlich selten schöne Gemälde, dass man denken könnte, der Charakter Woodcock sei das Resultat einer multiplen Persönlichkeitsstörung. Anderson hat sich schlichtweg verkünstelt. Eine Schlinge, aus der ihn weder der grandiose Cast um „Lincoln“-Star Daniel Day-Lewis und Überraschungsmime Vicky Krieps noch der genannt-holprige, semi-nachvollziehbare Handlungsdreher gegen Ende vollkommen zu befreien weiß. Und damit bleibt die Intention des Films für den Betrachter am Ende genauso blank wie die Figuren.

Fazit: „Der seidene Faden“ ist bis dato wohl Paul Thomas Andersons größter Augenschmaus. Doch im Gegensatz zu bspw. seinem Meisterwerk „There Will Be Blood“ bleiben die Charaktere, trotz vielversprechender Leitmotive, größtenteils blass. Das Eigeninteresse des Betrachters für die Geschichte geht damit, obgleich deutlich kürzerer Laufzeit, weitestgehend gegen null und fesselt trotz hervorragender Darsteller zu keiner Sekunde.

(3 / 5)