„Zwei pfiffige Larrys“ – Das Lumpenpack im Backstage Werk (Konzertbericht)

Ausverkauft ist das Backstage Werk an diesem Dienstagabend, dem 19. November 2019. Die beiden ehemaligen Poetry-Slammer Max Kennel und Jonas Meyer, zusammen Das Lumpenpack, haben sich die Münchner Location als Tourstop ausgesucht und beweisen, dass sie auch in der bayerischen Landeshauptstadt eindeutig auf dem aufstrebenden Ast der Musik-Comedy sitzen. Das Publikum ist auffallend jung – Schüler und Studenten machen bekanntermaßen den Großteil der Hörerschaft der Musiker aus.

Um 20 Uhr springt der ebenfalls aus dem Kreise des Poetry Slam bekannte Jason Bartsch zu elektronischer Hip-Hop-Musik auf die Bühne und beginnt, zu diesem und weiteren Backing Tracks seine humorvollen, aber nicht selten seichten Texte zu singen und zu rappen. „Wer hat heute Geburtstag… Ah, und was hast du heute schon so gemacht?… Gearbeitet…? Wohl typisch München!“ Es folgen zwei Lieder über Hunde und Katzen. Erst in seinem vorletzten Song beweist Bartsch dann doch Tiefe und Talent: „Aber dann“ beschäftigt sich mit dem Thema Depression. „Menschen auf Bühnen müssen über bestimmte Dinge reden.“ Das Lied wird von ihm nur sanft an der E-Gitarre begleitet, ohne Elektro-Gedudel aus dem Laptop. Allein das macht den Song zur stärksten Performance des Künstlers. Sein letzter Song schließlich ist eine Hymne an seine Heimatstadt Bochum und kommt um (zugegebenerweise gelungene) Reminiszenzen an Herbert Grönemeyer nicht herum. Um 20:35 verlässt Bartsch die Bühne.

© Marvin Ruppert

Der Umbau braucht nicht viel Zeit und so verdunkelt sich der Saal bereits um 20:45 erneut. Das Publikum ist hochmotiviert und eindeutig auf einen spaßigen Abend aus. Die Stimmung ist locker und dankbar, als Kennel und Meyer die Bühne betreten. „Es gibt so viele Idioten auf der Welt“, singen die beiden Musiker – über einen Backing Track vom Band. Doch – aufatmen! – bis auf eine Ausnahme wird das an diesem Abend der einzige weitere sein, denn die beiden Jungs sind nicht ohne Grund dafür bekannt, dass sie „zu zweit eine Band“ und auch mit der einzelnen Akustikgitarre wirklich stimmungsvoll und musikalisch kräftig unterwegs sind. Das bewahrheitet sich im Lauf des Konzertes. Die beiden sind hervorragende Songwriter; trotz der schmalen Instrumentierung bleiben die Songs vergleichsweise abwechslungsreich und mit starker Gitarre und zweistimmigem Gesang schaffen die Musiker eine erstaunlich breite und volle Klangatmosphäre. Eine Überraschung: In einem der Songs zückt Jonas Meyer, der normal ohne Instrument auf der Bühne steht, ein Flügelhorn und spielt einige solide Melodien. So solide, dass viele der Fans sich fragen, ob er tatsächlich auf dem Instrument bläst oder es sich um einen Einspieler handelt. Benutzt er das Horn zwar nahezu fehlerlos, so sind es doch die kleinen Ecken und Kanten in seinem Spiel, die bestätigen, dass er wohl live spielen muss.

Doch das Geheimnis des Duos liegt nicht in ihrer Musikalität, sondern zweifelsohne in den überaus starken Texten der Musiker. Neben unterhaltsamen Spaß-Nummern wie der „Tragödie vom Rest der Band“, in der sie vom Schicksal fiktiver, ehemaliger Mitmusiker berichten, oder Versen wie „Ich seh in kurzen Hosen scheiße aus“ beschäftigen sie sich höchst kreativ und gekonnt mit den großen und kleinen Themen des Alltags. Sie singen über Urlaube mit billigen Autos, das fortschreitende Erwachsenenalter und die damit verbundenen Probleme, aber behandeln auch politische Inhalte humorvoll und platzieren sich dabei (typisch für den Bereich Poetry Slam) links der Mitte, mit klar sozialem Gerechtigkeitssinn und Umweltbewusstsein. Auch die rechtlich schwierige und teils besorgniserregend entscheidungsgewaltige Position von Heilpraktikern thematisieren sie in einem ihrer Songs, verbunden mit einem „Globoli-Tanz“ und begleitet durch diverse Gags. „Ich tausch drei Lehrer gegen nen Monteur“ heißt es an anderer Stelle. Das gelungene und eingängige Lied „Buntes Papier“ behandelt dagegen den Tod einer Eiche, die die Künstler stets in Form von buntem Konfetti bei sich tragen – ein Geniestreich für Live-Konzerte, denn Meyer und Kennel verteilen Mengen des Papiers im Zuschauerraum, woraufhin im kommenden Refrain ein farbenfroher Sturm die ganze Halle durchzieht. Und auch ihr eigenes Hit-Medley mit zehn ihrer Songs in knapp dreieinhalb Minuten haben sie sich erarbeitet. Die Fans singen kräftig und erstaunlich textsicher mit.

Eine weitere Qualität der Künstler ist ihre Spontaneität. Als im Song „Miriam“ eine Gitarrensaite reißt, wird dieses Missgeschick gelungen von Meyer aufgegriffen: Er baut das Geschehnis schlichtweg in den Songtext ein – höchst gelungen. Zuschauer, die als Einhorn und Koala verkleidet sind, werden ebenfalls von den beiden Musikern angesprochen. Man solle doch mit ihnen kuscheln, heißt es von der Bühne. An anderer Stelle neckt sich das Duo auf eine Art und Weise, die über einstudierte Gags deutlich hinausgeht. Kurzum: Die beiden sind derart authentisch und sichtlich glücklich auf der Bühne, wie man es nur selten erlebt. „Wir sind doch nur zwei pfiffige Larrys“, so Meyer vor dem letzten Zugaben-Song um 22:30 Uhr. Er macht damit eine Anspielung auf einen müden und nicht ganz nüchternen Auftritt der Künstler beim ARD Morgenmagazin Anfang des Jahres, bei dem sie als „pfiffig“ betitelt worden sind. „Dass wir vor so einem Publikum wie heute auf der Bühne stehen dürfen, das können wir eigentlich noch gar nicht fassen. Wir schreiben diese Songs bei uns daheim auf dem Sofa, weil wir sie einfach lustig finden. Und wir kommen gar nicht drauf klar, dass es anderen wohl auch so geht“. Um 22:40 Uhr ist das Spektakel schließlich zu Ende und Hunderte strömen nach einem gelungenen Konzert zu den Merch-Ständen. Man hofft, dass Max und Jonas hinter der Bühne gemeinsam ihr Feierabendbier genießen dürfen – man könnte sich fast noch für einen sympathischen Ratsch zu ihnen gesellen.

Bericht: Thomas Steinbrunner