Gogol – Chilly Gonzales im Herkulessaal (Kritik)

Er ist der geborene Entertainer, was er sogar selbst im Laufe des Konzerts von sich sagt: Chilly Gonzales. Der klassische Pianist hat sich eine Nische und ein Konzept geschaffen, das bestens aufgegangen ist, nämlich Unterhaltung und Entertainment bei einem Klavier-Konzert. Musikalisch bricht er des Öfteren die Konventionen, bringt Hip-Hop-Elemente in seine Musik, bleibt aber auf dem hohen Niveau eines klassischen Komponisten. Wie kann so etwas so gut funktionieren? Und ist ein Konzert von ihm wirklich so unterhaltsam? Wir haben uns am 27. April 2019 im Herkulessaal selbst davon überzeugt.

© Konzertbüro Schoneberg

Gleich zweimal spielt der Pianist heute in München. Die Tickets für seine Abendshow waren rasend schnell vergriffen, ebenso die Karten für die neuangekündigte Nachmittagsshow. „Munich Afternoon People“ nennt er seine Audienz also charismatisch und lästert – wie sollte es anders sein – über sein Abendpublikum. „Heute Nachmittag machen wir etwas ganz anderes, am Abend mache ich das, was ich immer mache“, scherzt er. Das Publikum jubelt. „Yeah, fuck those guys“. Aber dann widmet sich Chilly Gonzales auch schnell wieder dem, weshalb er und die Audienz gekommen ist: die Musik. Er beginnt solo mit einigen ruhigen Klavierwerken aus seinem neuesten Album „Solo Piano III“, wechselt aber später zu Stücken für Klavier und Cello, final dann als Trio mit Schlagzeug. Selbstverständlich dann auch der Moment, an dem er bekannte Pop-Hits zerlegt, dieses Mal „Smells Like Teen Spirit“ von Nirvana und „…Baby One More Time“ von Britney Spears. Natürlich beides zeitgleich gespielt. Und vom gebürtigen Kanadier mit „Riecht nach jugendliche Geist“ und „Schlag mir Kinder noch einmal“ übersetzt.

2011 hat sich Gonzales bereits in Köln beheimatet, zuvor lebte er in Berlin. Dementsprechend solide, wenngleich natürlich gebrochen, ist sein Deutsch, in dem er viele Ansagen gestaltet, meistens wechselt er dann doch zu einem wilden Denglish. Das kommt beim Publikum gut an, auch sein enthusiastisches Klavierspiel bei den lauteren und ausdrucksvolleren Songs. Insgesamt legt er aber mehr Wert auf die Töne seines Tasteninstruments und rutscht seltener in die Jazz-Richtung, den neoklassizistischen Klängen soll der Nachmittag gewidmet sein. Das untermauert er auch nur noch einmal mit seinen beiden Gästen, die Münchner Pianistin Alice Sara Ott und das Multi-Talent Malakoff Kowalski, der sich am heutigen Abend aber auch auf das Piano beschränkt und nur in der Zugabe für „Fly Me To The Moon“ von Frank Sinatra ans Mikrofon greift. Besonders Ott kann überzeugen, auch, als sie gemeinsam mit Gonzales seinen ersten relevanten Klassik-Hit „Gogol“ interpretiert.

Nach rund 100 Minuten und zwei Rückkehren zu Zugaben verabschiedet sich der Mann im Bademantel und Pantoffeln unter großem Applaus und Standing Ovations im Publikum. Vor allem in Hinblick darauf, dass er das gleiche Programm in wenigen Stunden noch einmal enthusiastisch darbieten wird, allein dafür gebührt ihm größer Respekt. Die Eintrittsgelder der Matinee, so erzählt er, fließen ins sein Musik-Konservatorium, um junge Pianisten zu fördern und ihnen zu lehren, wie sie unterhaltsam auftreten. Steife Musiker, die nur für sich elitär spielt, nannte er einmal „Onanisten“. Er setzt sich dafür ein, dass die Klassik frisch und unterhaltsam wird, um allein daher das Interesse zu halten. Das gelingt mit Titeln wie „Treppen“ und „Cactus Impromptu“, aber auch mit seinen Rap-Anlagen, in denen er sich selbst als „the worst MC“ bezeichnet. Chilly Gonzales ist unbestritten der Rockstar unter den Neoklassikern – und bleibt es hoffentlich noch lange!

Kritik: Ludwig Stadler