After All – Cher in der Olympiahalle (Konzertbericht)

Rihanna, Taylor Swift, Billie Eilish – sie alle sind die Popstars der letzten Jahre, fraglos talentiert und beliebt. Fragt man sich allerdings, wer tatsächlich Popikonen sind, die seit vielen Jahrzehnten die Menschen weltweit zu Jubelstürmen führen, wird die Anzahl schnell äußerst gering, bis irgendwann nur noch eine übrig bleibt: Cher. Die „Goddess Of Pop“ blickt auf eine 55-jährige Karriere im Showbusiness zurück, erfolgreich als Sängerin, aber auch als Schauspielerin. Am 3. Oktober 2019 führt es sie in die Olympiahalle in München auf ihrer „Here We Go Again“-Tour – ihre letzte Tournee.

Bright Light Bright Light am 5.3.18 in der TonHalle

Neben dem bereits vom P!nk-Konzert bekannten DJ KidCutUp, der in den Umbaupausen das Trashigste der letzten Jahrzehnte durch die Boxen laufen lässt, darf der Wahl-New Yorker Bright Light Bright Light für 25 Minuten die sitzende Menge einheizen. 2014 sei er bereits hier gewesen, damals vor Elton John – wir haben den Strahlemann, der durchaus äußerliche Ähnlichkeiten mit Freddie Mercury hat, vergangenes Jahr vor Erasure gesehen, wie wir berichteten. Seine Instrumente mussten seitdem weichen, stattdessen begleiten ihn zwei Background-Tänzer, die sich eher weniger talentiert präsentieren. Anders die Musik: die Lieder des Sängers sind feiner Dance-Pop, der sich zwar deutlich mit Retro-Anspielungen an den 80ern orientieren, aber dennoch eigenständig mit der starken Frontstimme in Verbindung stehen. Ein schöner Auftakt.

Der Grund für die mit 10.500 Leuten bis auf den letzten Platz ausverkaufte Olympiahalle sollte allerdings bereits um kurz nach 21 Uhr folgen. Bevor das Intro losgeht und der Vorhang fällt, winkt Cher bereits ihren Fans seitlich von der Bühne zu, die sie euphorisch begrüßen. Kein Wunder also, dass dann beim wortwörtlichen Fallen des Vorhangs und dem Beginn mit „Woman’s World“ rasend schnell das ganze Auditorium auf den Beinen ist und der Pop-Ikone zujubeln. Die schwebt mit blauen Haaren und glitzerndem Abendkleid von einem Podest auf die Bühne und entert sichtlich gut gelaunt die tobende Halle. Zeit zum Runterkommen bleibt da erst einmal wenig – „Strong Enough“ schließt sich sofort an. Ein Hit nach dem anderen? Bei Chers Diskografie definitiv der Fall.

© Machado Cicala

Allein die Bühne schindet mächtig Eindruck, denn die Las Vegas-Produktion wurde kurzerhand dazu auserkoren, auf Tour zu gehen – das umschließt ein großes Podest mit Tor und zwei Treppen, dazu eine riesige Leinwand, eine siebenköpfige Band und zehn Tänzerinnen und Tänzer, die für eine fantastische Untermalung sorgen. Selbst kurze Artistik-Einlagen finden in den Pausen zwischen den Liedern statt, die die Sängerin zum Anlass nimmt, nicht nur ihre Outfits oftmals zu wechseln, sondern auch ihre Haarfarbe zu ändern – insgesamt viermal. Besonders emotional: ein Zwei-Song-Block aus der Sonny & Cher-Zeit, wobei sie „I Got You Babe“ gemeinsam mit ihrem verstorbenen Ex-Mann singt, der über die Leinwand eingeblendet wird. „Ich hab darüber nachgedacht, das irgendwann mal zu machen“, sagt sie, und dass sie den Song bei einer zweiten Abschiedstour unbedingt singen sollte. „Und das ist definitiv meine letzte Tour.“

Man mag es gar nicht glauben, so fit wie sie auf der Bühne performt, aber es ist wahr: Cher schreibt mittlerweile 73 Jahre. Dabei kommt sie auf eine körperliche Figur, von der manch Zwanzigjährige nur träumen kann – und befindet sich zudem in bester Verfassung, was sie in ihren unfassbar starken Gesangsperformances wie „I Found Someone“ oder dem kultigen „Welcome To Burlesque“ zeigt. Auch ihrem neuesten Werk, ein ABBA-Cover-Album, widmet sie drei Lieder. Die Menge feiert es und springt bei jedem Song aufs Neue auf, sobald der Star des Abends die Bühne betritt. Nur einmal, als Cher zum Hinsitzen bittet, folgen ihr die Zuschauer – und sie erzählt ausführlich von ihrem 40. Geburtstag, Probleme in Hollywood und ihrer Begeisterung für Thomas Gottschalk, mit dem augenzwinkernden Abschluss: „Und was macht deine Großmutter heute Abend?“

Als ein Video von ihrem Oscar-Gewinn 1988 gezeigt wird, schließt das ihre Worte mit ein: „Von den Sängerinnen wurde ich nie als Sängerin akzeptiert, von den Schauspielerinnen nie als Schauspielerin. Ich gehöre nirgendwo dazu – aber gehe meinen Weg.“ Schön, dass dich dieser Weg noch einmal nach München geführt hat, Cher!

Setlist: Woman’s World / Strong Enough / All Or Nothing / The Beat Goes On / I Got You Babe / Welcome To Burlesque / Waterloo (ABBA cover) / SOS (ABBA cover) / Fernando (ABBA cover) / After All / Walking In Memphis (Marc Cohn cover) / The Shoop Shoop Song (It’s In His Kiss) (Betty Everett cover) / I Found Someone (Michael Bolton cover) / If I Could Turn Back TimeZugabe: Believe

Bericht: Ludwig Stadler