Chaos im Netz – Filmkritik

(3,5 / 5)

Regisseur/in: Rich Moore, Phil Johnson

Genre: Animationsfilm, Komödie

Produktionsland: USA

Kinostart: 24. Jan. 2019

Laufzeit: 1 Std. 53 Min.

 

© 2018 Disney. All Rights Reserved.

Disney ist endlich in der Moderne angekommen – und das recht gelungen. Sechs Jahre nach dem Erfolg von “Ralph Reichts” legen die Macher Rich Moore (Zoomania) und Phil Johnson (Zoomania) die Messlatte sogar höher und erweitern das Universum der Arcade-Game-Bewohner in das Internet hinein. Allein die angekündigte Versammlung zahlreicher Disney-Prinzessinnen im Trailer lässt die Herzen höherschlagen und stiehlt dem Haupthandlungsstrang beinahe die Show. Nach unzähligen Memes à la “You can’t marry a man you just met” wurde es für Disney langsam an der Zeit sich eindeutigerer an die eigene Nase zu fassen und seine altbekannten Klassiker anzugehen. In den letzten Produktionen gelang dies immer weiter, im aktuellsten Streich ist wohl der Zenit erreicht.

Randale Ralph (John C. Reilly) und Vanellope (Sarah Silverman) leben zwar ein zufriedenes Leben in ihren Videospielen, doch Vanellope will wissen, was sich noch außerhalb ihrer Welt der Berechenbarkeit befindet. Da kommt es ihr gelegen, dass der Besitzer der Arcade-Game-Spielothek eine Wifi-Verbindung anschließt. Nach einem Unfall in “Sugar Rush” beschließen die beiden Freunde sich durch diese auf eine Reise durch das World Wide Web zu begeben, um Vanellopes Spiel zu retten. Dabei treffen sie auf ein ihnen unbekanntes Universum voller Möglichkeiten und Gefahren, in dem sie nicht nur etwas über die Welt da draußen, sondern auch über sich selbst und ihre Freundschaft lernen.

©2018 Disney. All Rights Reserved.

Anfangs braucht es eine Weile, bis “Chaos im Netz” seine Dynamik findet. Die beiden Protagonisten wirken für Disney – entgegen Vanellopes Selbstfindungskrise – wenig tiefgründig. Doch leuchtet schnell ein, dass das ganz bewusst einem Faktum geschuldet ist: Ralph entstammt einem 80er-Jahre 8-Bit Game, Vanellope einem Kinder-Rennspiel. Ihre Spiele sind nicht komplex, somit müssen sie es auch nicht sein. Sobald im World Wide Web eine Gruppe rebellischer Autorennfahrer mit deren Anführerin Shank (Gal Gadot) auftreten, beweist der Film wieder seine Disney-Expertise in Sachen Figurencharakteristik. Und das nicht nur an einer Stelle. Bereits in dem Augenblick, in dem beide das Internet betreten, werden sie und die Zuschauer bombardiert von witzigen Gestalten, popkulturellen Referenzen und etlichen Easter-Eggs. Ob Ebay, Floss Dance, Killer Clowns oder nervige Pop-Up Werbung: das Internet, seine Trends und Schattenseiten werden in ihrem ganzen Spektrum vertreten. Es benötigt sicherlich noch einige Male, um in dieser reizüberflutenden Bildgewalt alle Anspielungen zu entdecken.

Die animierte Schnelllebigkeit des Internets lässt dabei allerdings einen zentralen Bestandteil von “Chaos im Netz zu kurz kommen. Dermaßen eifrig wurde versucht, viralen Trends nachzukommen, dass die sonst übliche Rührseligkeit Disneys lediglich stark komprimiert vorkommt. Die Tiefe und auch die Konflikte innerhalb Ralphs und Vanellopes Freundschaft werden erst zum letzten Drittel hin spärlich thematisiert. Der Fokus liegt dennoch weitestgehend auf der sie umgebenden Welt und actionreichen Gefahrenlagen, weswegen es eher schwer fällt, die beiden Helden richtig ins Herz zu schließen. Dabei ist solch ergreifende Emotionalität im Regelfall die große Stärke bisheriger Produktionen.

©2018 Disney. All Rights Reserved.

Vanellopes angepriesene Begegnung mit den Prinzessinnen erfüllt dafür jedoch alle Erwartungen. Das öffentliche Ärgernis über das Frauenbild in vergangenen Filmen wie “Schneewittchen”“Cinderella” oder “Arielle, die Meerjungfrau wird voller Selbstironie und Humor aufgegriffen. So raten sie ihrem Neuzugang, wenn sie nicht wisse, was zu tun sei, helfe sonst immer in ein bedeutendes Gewässer zu starren. Aber auch interne Produktionswitze wie Meridas unverständliche Aussprache, aufgrund anderer Studioherkunft, fallen nicht durchs Gitter. Der einzig verbleibende Wermutstropfen hierfür ist der befremdliche Anblick modernisiert computeranimierter Figuren wie Mulan und Pocahontas. Nichtsdestotrotz wird mit der genannten Aufarbeitung der Weg für weitere moderne Disney-Prinzessinnen freigeräumt.

Fazit: Unterhaltsamer und moderner Familienfilm voller Bildgewalt, der es bewältigt, ein abstraktes Konstrukt wie das Internet mit allem was dazugehört wundervoll zu verbildlichen. Bei zahlreichen Referenzen scheut Disney nicht davor zurück, sich selbst auf die Schippe zu nehmenDie Schlagfertigkeit und Dynamik des Filmes erlauben leider nicht viel Raum für Bewegtheit.

(3,5 / 5)