Letting You Go – Bullet For My Valentine im Zenith (Konzertbericht)

Bitterkalt ist es zwar an diesem Sonntag, 28. Oktober 2018, aber denkt man an das Programm, was diesen Abend im Zenith geboten ist, wird einem sofort wieder warm. Die britischen Metalcore-Größen Bullet For My Valentine laden zum lauten Gitarrenfest und haben gleich drei Support-Band, die sich wie die Speerspitze der aufsteigenden Core- und Alternative Metal-Szene lesen: Of Mice & Men, Nothing More und Shvpes. Dementsprechend groß die Erwartung und dementsprechend früh auch der Beginn. Um 18 Uhr beginnt der Einlass, 45 Minuten später bei noch arg leerer Halle gehen bereits die Lichter aus. Soll es jetzt schon losgehen?

Tatsächlich, denn entgegen des kommunizierten Starts um 19:30 Uhr stehen Shvpes bereits eine wesentliche Zeit früher auf der Bühne. Die Metalcore-Jungs aus Birmingham lassen sich davon wenig beeindrucken und starten mit „Undertones“ ihr recht kurzes Set. Der Sound, man mag es im Zenith kaum glauben, ist kräftig, klar und druckvoll, was sich bis zum Schluss nicht ändern sollte. Die Band um Frontmann Griffin Dickinson performt passioniert und gekonnt ihre teilweise zwar etwas stereotypischen, aber durchgehend eingängigen Songs und überzeugen allen voran in den starken Melodien. Schade nur, dass die noch wenigen Leute sich kaum mitreißen lassen und die gesamten 25 Minuten nicht so recht Stimmung aufkommen will. Ein aber fraglos starker Auftakt.

Setlist: Undertones / State Of Mine / Skin & Bones / Someone Else / Afterlife / Calloused Hands

Um 19:30 Uhr, zum eigentlichen Start, entern Nothing More die Bühne. Was die vier Texaner in der folgenden halben Stunde im Zenith darbieten, übertrifft bei weitem den gesamten Abend und den Großteil der Konzerte im Jahr 2018. Mit schlichtweg perfektem Sound spielen sie in einer dermaßen mitreißenden Performance ihre sowieso treibenden Lieder von „Do You Really Want It?“ bis „This Is The Time (Ballast)“. Besonders eindrucksvoll: ihre Ballade „Go To War“, die mehrfach (und absolut zurecht) für den Grammy nominiert wurde. Frontmann Jonny Hawkins, der stimmlich in absoluter Höchstform agiert, hat zudem Geburtstag, weshalb ihm kurzerhand die Besucher ein Ständchen singen und ihm seine Crew eine Torte auf die Bühne bringt. Absolutes Highlight am Ende: das Skrillex-Cover „First Of The Year (Equinox)“ mit ihrem selbstgebauten Instrument, das sicherlich fünf Meter in die Höhe ragt und einem Percussion- und Effektboard ähnelt. Imposant!

Setlist: Do You Really Want It? / Let Em Burn / Don’t Stop / Go To War / Jenny / This Is The Time (Ballast) / First Of The Year (Equinox) (Skrillex Cover)

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Of Mice & Men wurden, nach dem endgültigen Ausstieg ihres Sängers Austin Carlile Ende 2016, faktisch totgesagt. Dass Totgesagte aber länger leben, beweist die nun vierköpfige Metalcore-Formation eindrucksvoll die letzten beiden Jahre, in denen sie mit dem neuen Album „Defy“ ihre Umorientierung erfolgreich geschafft haben. Wie das alles nun klingt, wenn Aaron Pauley nun neben dem Bass und Klargesang auch noch die Screams übernimmt, kann das inzwischen passabel gefüllte Zenith nun als letzten Support des Abends sehen. In 40 Minuten spielen die Musiker sich durch einen Querschnitt ihrer Diskografie, vorrangig natürlich des neuesten Studio-Albums. Das alles entfacht etliche Moshpits, allgemein ausgelassene Stimmung und absolut den Sinn des Anheizers für den Headliner des Abends. Zwar hat die Band noch etwas unter dem mächtigen Auftritt von Nothing More zu leiden, dennoch gelingt ein solider Auftritt, der zufriedenstellt.

Setlist: Defy / Warzone / Unbreakable / Would You Still Be There? / You Make Me Sick / Bones Exposed / Instincts / The Depth

© Ville Juurikkala

Einiges an Ausdauer brauchen die Fans der Hauptband allemal, denn erst um 21:30 Uhr, also dreieinhalb Stunden nach dem Einlass, erlischt zum letzten Mal das Licht in der Fabrikhalle und Bullet For My Valentine starten hinter einem weißen Vorhang mit „Leap Of Faith“, dem Opener ihres neuen Albums „Gravity“, das wir uns übrigens HIER etwas näher angesehen haben. Dieses Album nimmt selbstredend einen großen Platz in der Setlist ein, ganze sechs Lieder wandern in das Abendprogramm. Allgemein ist die neuere Schaffensphase von BFMV, so die Abkürzung der Band, der größte Teil des Abends, wenngleich natürlich mit den Klassikern wie „Tears Don’t Fall“ und „Scream Aim Fire“ ein insgesamt buntes Allerlei geboten ist. Hierbei können sich Fans also kaum beschweren.

Worüber sie sich allerdings beschweren können und vielleicht auch sollten, ist das erschreckend seelenlose Auftreten der Band. Routiniert spielen sie ihre Show herunter, bringen wenige Standard-Ansagen und wirken über die gesamten 85 Minuten so, als gehen sie mehr einer Verpflichtung als einer Passion nach. Einzig die wirklich beachtliche Lichtshow rettet die Musiker ein wenig vor dem ansonsten definitiven Urteil, dass das Alben-Anhören die klügere Variante wäre. Deutlich wird das vor allem dann, als Shvpes-Fronter Dickinson für den Song „No Way Out“ die Vocals übernimmt und kurzerhand die gesamte Band mit geringstem Aufwand überschattet. Sicherlich, die Rahmenbedingungen stimmen, aber ohne wirkliche Spielfreude bleibt ein fader Beigeschmack – einzig Drummer Michael Thomas trommelt sich freudestrahlend durch die Lieder. Ansonsten bleibt ein dennoch starker Abend, bei dem die Gewinner allerdings klar die Vorbands sind.

Setlist: Leap Of Faith / Over It / Your Betrayal / 4 Words (To Choke Upon) / Worthless / Letting You Go / The Last Fight / Venom / Not Dead Yet / Scream Aim Fire / You Want A Battle? (Here’s A War) / Piece Of Me / No Way Out / Suffocating Under Words Of Sorrow (What Can I Do)Zugaben: Don’t Need You / Tears Don’t Fall / Waking The Demon

Bericht: Ludwig Stadler
Fotos Nothing More: Jule Haer