Brightburn – Filmkritik

(3,5 / 5)

© 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

 

 

Regisseur: David Yarovesky

Genre: Horror, Superheldenfilm

Produktionsland: USA

Kinostart20. Juni 2019

Laufzeit: 1 Std. 30 Min.

 

 

 

James Gunn, das Mastermind hinter den „Guardians of the Galaxy“-Filmen, wagt sich nach „Dawn of the Dead“ (2004) und „Slither – Voll auf den Schleim gegangen“ (2006) endlich wieder zurück in Horrorgefilde! Als Produzent hat er sowohl den „The Hive“-Regisseur David Yarovesky als auch „Slither“-Darstellerin und Superstar Elizabeth Banks ins Boot gelockt – das Drehbuch stammt von Cousin Mark sowie Bruder Brian. Und die dreifache Gunn-Handschrift ist unverkennbar, was schon bei der schrägen Prämisse beginnt: ‚Teenage-Superman goes evil‘ – oder so ähnlich. Hauptsache die Gedärme fliegen mit Stil!

Als eines Tages vor der Farm von Tori (Elizabeth Banks) und Kyle Breyer (David Denman) ein Ufo-Gebilde mit einem menschlich aussehenden Kind darin abstürzt, beschließen sie kurzerhand, es großzuziehen. 12 Jahre später beginnt der Adoptiv-Sohnemann Brandon (Jackson A. Dunn), getrieben von düsteren Alien-Instinkten, so langsam Schwierigkeiten zu machen – das Zerquetschen der Hand einer Mitschülerin oder das Massakrieren eines Hühnerstalls gehören da noch zu den Kleinigkeiten…

© 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Egal wie oft Elizabeth Banks‘ Rolle der perfekten Mutter ihrem Alienburschen auch strahlend beipflichtet „You’ll always be my babyboy.“ oder „You didn’t turn out that bad, did you?“ – der karikaturistische ‚Happy Family‘-Unterton macht deutlich: Bald geht’s rund. Doch davor muss Brandon noch schnell böse werden. Wie genau dies geschieht, ist leider weniger offensichtlich. Ja, die Pubertät spielt wohl ihre Rolle. Und gemobbt wird Brandon auch. Aber im Grunde befiehlt ihm eine Stimme, welche aus dem in der Scheune versteckten rot leuchtendem Ufo kommt, „Take the world“. Es ist durchaus bedauernswert, dass uns kein langsamer, psychologischer Sturz des einstig netten Jungen präsentiert wird – aber dafür reichen die knappen 90 Minuten Laufzeit eben bei weitem nicht. Sinn macht der Streifen vorne und hinten nicht – Moralvorstellungen der Figuren pendeln, Charakterbögen sind nicht existent und die Naivität macht vor nichts Halt.

© 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Doch (und das ist ein großes DOCH) Spaß macht „Brightburn“ ohne Ende. Das liegt hauptsächlich daran, dass er sich selbst nicht so ganz hundertprozentig für bare Münze nimmt und häufig einen Genre-reflektierenden, sarkastischen Unterton einnimmt oder von dezenter, aber pechschwarzer Comedy Gebrauch macht. So kommt es eben, dass Brandons Wichsvorlagen Bilder von offenliegenden Gedärmen sind oder er nach dem nächtlichen Menschenschlachten erst mal brav an Innereien erinnernde ‚Sugar Rice Pops‘ futtert. Der Film genießt es, zu überdrehen oder Sprüche wie „No worries, smart boys end up ruling the world.“ zu verfremden: „I just know I’m something else. Something superior.“ sagt der kleine Mann mit kalter Miene über seine Eltern. Ihm ist die Menschheit ebenso Wumpe wie dem Zuschauer die flachen Restfiguren. Beide Parteien wollen ein Blutbad sehen. Und holla die Waldfee, dass bekommen wir auch. Selbst der eingefleischteste Horrorfan dürfte mit flauem Magen wieder rausgehen, wenn Augen auslaufen oder Kiefer nur noch lose am zerquetschten Kopf hangeln. „Brightburn“ macht keine Gefangenen wenn es um Splatter-Brutalität geht, aber überstrapaziert es auch zu keinem Zeitpunkt. Die vergleichsweise wenigen Tode sind so böse wie kreativ und effizient. Nur schade, dass einige von ihnen bereits durch den Trailer gespoilert wurden.

© 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Wer dabei jetzt schon vor Ekel die Augen verdreht, wird mit „Brightburn“ keine Freude haben. Auf seine ganz spezielle Weise macht der Film Grausamkeit ‚cool‘ – damit muss man umgehen können. Ebenso helfen die ideenreiche Kamera, die fantastischen ‚Visual Effects‘ und die allgemein spektakulär gesättigte Optik das Stylometer in die Höhe schießen zu lassen. Fruchtlos bleibt lediglich die maßlos überspannte Verwendung von ‚Jump Scares‘, welche leider immer wieder aus dem sonst so immersiven Geschehen reißt. Im Gegenzug gibt es dafür echte Inszenierungsperlen – Szenen, die man so schnell nicht vergisst – wie bspw. der Alptraum von Daddy Kyle, wenn er den Fund des Baby-Aliens schaurig verzerrt erneut erleben muss. Und bevor man sich versieht, ist „Brightburn“ auch schon wieder vorbei – und findet mit kleinen ‚Found-Footage‘-Ausschnitten der anstehenden Weltvernichtung im Abspann nebst „Bad guy“ von Billie Eilish als Soundtrack einen brillanten Abgang von unschlagbarer ‚Coolness‘. Auf einmal fallen einem dann auch die großen Parallelen zum kongenialen „Chronicle“ (2012) auf, welcher ebenfalls den Missbrauch von Superkräften eines Teenagers behandelte – und dennoch ist „Brightburn“ etwas ganz Besonderes. Ob „besonders“ in diesem Fall auch „gut“ ist – das muss wohl jeder für sich selbst entscheiden.

Fazit: Für Sadisten mit Geschmack unbedingt zu empfehlen. Auch für diejenigen, die es nicht zugeben wollen. Hirnloser Horror mit ungeheurem Stil – vielleicht das Genre-Äquivalent zu „John Wick“?

(3,5 / 5)