Pure – Boysetsfire in der TonHalle (Kritik)

25 Jahre zählen Boysetsfire bereits – eine Anzahl von Bandjahren, die alles andere als selbstverständlich ist in einer Zeit, in der die meisten Musiker nur so mit Projekten um sich werfen. Zwar waren die Melodic Hardcore-Vertreter drei Jahre davon aufgelöst, aber ganz so eng will man das dann auch wieder nicht sehen, selbst 22 aktive Jahre des ununterbrochenen Tourens sind bemerkenswert genug. Grund genug, eine ausgedehnte Jubiläumstour durch Europa einzuberufen – und dabei auch nach etlichen Jahren für ein reguläres Konzert nach München zu kommen. Am 5. Dezember 2019 in der TonHalle war es soweit – mit dabei Raised Fist und All Else Failed.

Letztere sind es dann auch, die um 19:30 Uhr den Abend eröffnen dürfen. Vielleicht nehmen es die Herren dann aber doch etwas zu true mit dem Hardcore – der Sound ist relativ matschig, die Vocals zwar laut, aber arg unverständlich. Auf Ansagen wartet man ebenso ewig, die Musiker sind nach 25 Minuten genauso schnell wieder verschwunden wie sie auf die Bühne gekommen sind. Ein eigenes Vergnügen.

Raised Fist gehen es da schon ganz anders an. Die Schweden sind nun wahrlich nicht dafür bekannt, Dauergäste auf den Bühnen auf dieser Welt zu sein, auf Tour sieht man sie fast noch seltener. Umso überraschender also, dass sie als Special Guest für die Boysetsfire-Tour angekündigt wurden – ihre vielleicht zehnte Tour in rund 27 Bandjahren, meint Frontmann Alle Hagman. Er ist es aber allemal auch, der die mitreißende Kraft des Auftritts über die gesamten 50 Minuten am Laufen hält. Die Musik selbst präsentiert sich als Moshpit-tauglich und Metal-lastig, aber zeitweise auch etwas eintönig. Dem Publikum macht das alles nichts aus, es eskaliert bereits so, als wäre da gerade die Hauptband auf der Bühne. Die Band macht es ihnen gleich – ganze dreimal wirft Sänger Hagman den rechten Mikrofonständer um, da er doch etwas zu motiviert herumhüpft. Saubere Performance.

© David Warren-Norbut

Ungewöhnlich, dass man also zwei deutlich härtere Einheizer wählt, wobei Boysetsfire doch einen deutlich ruhigeren, melodischeren und vor allem rocklastigeren Kurs fahren. So ist auch ihr Opener „Requiem“ um 21:35 Uhr zwar extrem mitreißend, aber eben doch mehr Punk als Hardcore. Das stört allerdings nicht weiter, denn der Abend wird lange, die Liederliste ist es ebenso. 25 Jahre Bestehen gilt es zu feiern – und in der Zeit ist einiges an Musik angefallen, die gespielt werden will. Mit 21 Titeln hat man eine wilde und ausreichende Anzahl ausgewählt, aus allen Alben etwas reingeworfen und den Fokus, im Gegensatz zu den Vorjahren, wieder etwas mehr auf Härte gelegt. Das kommt dem Publikum zugute, das sichtlich Tanzen und Mitsingen möchte und ebendies ausgelassen tut. Die Lieder – das steht außer Frage – sind auch wahre Hymnen.

Kein Wunder also, dass nicht nur Frontmann Nathan Gray seine gesamte Seele in die Performance legt, sondern auch die gesamte Band um ihn herum, in der sich auch Bassist Robert Ehrenbrand befindet – ein waschechter Münchner. Das macht das Konzert zumindest zu einem Fünftel zum Heimspiel. Aber auch ohne diesen Bonus beweisen Band und Publikum eine gewisse Verbindung, die eine Dynamik erzeugt, wie sie für diese Art von melodisch-mitreißender Rockmusik passender kaum sein könnte. Natürlich kann man Boysetsfire vorwerfen, etwas zu bedeutungsschwer zu sein, zu viel Pathos innezuhaben oder auch musikalisch etwas zu unentschlossen zwischen den Genres zu wechseln – und vielleicht mag all das auch stimmen, aber es ist nicht weiter relevant an diesem Abend. Die lächelnden Gesichter auf der Bühne beweisen ein wohliges Gefühl, die euphorischen Personen im Publikum ebenso, denn beide eint eben diese eine Sache für die 100 Minuten Konzertdauer: pures Glück.

Setlist: Requiem / Release The Dogs / Closure / Eviction Article / Cavity / Cutting Room Floor / Prey / Full Color Guilt / Deja Coup / Bled Dry / With Every Intention / Still Waiting For The Punchline / Pure / My Life In The Knife Trade / Handful Of Redemption / One Match / Twelve Step Hammer Program / RookieZugaben: Walk Astray / Empire / After The Eulogy

Bericht: Ludwig Stadler