„Manchmal bin ich glücklich, normalerweise unglücklich“ – ‚Borderline‘ im Marstall-Theater (Kritik)

Am 3. Oktober feiern die Deutschen mit dem ‚Tag der Deutschen Einheit‘ die Wiedervereinigung zwischen Ost und West. Auf der anderen Seite der Welt in Nord- und Südkorea blickt man nach Deutschland und fragt sich: Wie haben sie das gemacht? Wie schaffen wir das auch? Wie überwinden wir die Grenze zwischen unseren beiden Staaten und können wieder zu einer Einheit werden? Die Dokufiktion Borderline feierte am 3. Oktober 2020 Premiere im Marstall des Residenztheaters.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Korea wegen der Einrichtung zweier Besatzungszonen in Nord- und Südkorea unterteilt. Diese Trennung der beiden Staaten besteht bis heute und so ist das Land durch eine massive Grenzmauer entzweit. Viele Nordkoreaner sind mit den Lebensumständen ihres Staates unzufrieden und erhoffen sich ein besseres Leben in Südkorea. Sie fliehen daher unter schwersten Bedingungen in den Süden, riskieren ihr Leben und lassen ihre Familien und Freunde zurück.

© Judith Buss

Der deutsche Schauspieler Florian Jahr hat das Projekt gemeinsam mit seinen koreanischen Kollegen SoHyun Bae, SungIc Jang, KyungMin Na und BumJin Woo aufgezogen und gehofft, dass sie alle gemeinsam auf der Bühne im Marstall performen können. Doch Covid-19 machte ihnen einen Strich durch die Rechnung, weshalb die koreanischen Schauspieler nicht präsent an der Vorstellung teilnehmen können. Sie werden per Live-Videochat aus Seoul zugeschaltet, wodurch der ganze Abend zu einer intermedialen und technischen Höchstleistung wird.

Florian Jahr verbrachte seine Kindheit in Ostberlin und berichtet von seinen Erfahrungen und Erinnerungen aus dieser Zeit. Er zeigt Kinder- und Familienfotos, scheut keine emotionalen Geschichten seiner Vergangenheit und lässt das Publikum somit ganz nah an sich heran. Fragen wie ‚Hast du deinen Ursprung jemals verheimlicht?‘ schlagen die Brücke zu den koreanischen Schauspielern. Sie verkörpern für das Projekt nordkoreanische Flüchtlinge und geben einen starken Eindruck in die Gefühlswelt dieser Menschen, welche so viel aufgeben müssen, um ein wenig mehr Glück zu finden. Sie wollen nicht fliehen müssen, sie wollen ihr Land als Einheit sehen und die Differenzen zwischen den beiden Nationen überwinden. So tauschen sich die Schauspieler untereinander aus, erzählen von ihren ganz persönlichen Erfahrungen, von ihren Sorgen und Ängsten. Und dieser Dialog ist von so viel Emotion und Ehrlichkeit geprägt, dass man beinahe vergisst, wie viele Kilometer sie alle in diesem Moment trennen.

© Eshu Haesoo Jung

Neben den Gesprächen zwischen Jahr und seinen koreanischen Kollegen erscheinen immer wieder Videos von der Grenzmauer auf der Leinwand. Das Publikum erhält einen guten und intimen Eindruck von der Situation an der Grenze zwischen Nord- und Südkorea. Florian Jahr ist selbst mehrere Male im Zuge des Projekts Borderline nach Südkorea gereist, um sich ein Bild vom Leben dort zu machen und seine Erfahrungen in die Vorstellung mit einbeziehen zu können. Dies ging sogar so weit, dass er Anfang dieses Jahres in Quarantäne dort bleiben musste, was er ebenfalls dokumentarisch auf Video festgehalten hat.

Es wird schnell klar, wie viel Energie und Herzblut jeder einzelne Darsteller in dieses Projekt gesteckt hat, und so entsteht am Ende eine spannende, emotionale und sehr politische Vorstellung, welche uns die Wiedervereinigung noch einmal ganz anders betrachten lässt. Wir sollten dankbarer sein dafür, dass unser Land nicht mehr entzweit ist, sollten uns öfter bewusst machen, wie gut es uns eigentlich geht. Und außerdem, und das ist wohl das wichtigste in den heutigen Zeiten, sollten wir jeden Menschen akzeptieren und willkommen heißen, egal woher er kommt, welche Hautfarbe er hat und welche Sprache er spricht. Wir können uns nicht in diese Menschen hineinversetzen, können nicht verstehen, was sie durchgemacht haben. Aber wir können Toleranz und Offenheit zeigen, wir können ihnen helfen und ihnen ein besseres Leben in einer neuen Heimat ermöglichen. Das sollte unser aller Anliegen sein.

Kritik: Rebecca Raitz