Blade Runner 2049 – Filmkritik

(5 / 5)

© Sony Pictures

Regisseur: Denis Villeneuve

Genre: Sci-Fi, Drama

Produktionsland: USA, Großbritannien, Kanada

Kinostart: 05. Oktober 2017

Laufzeit: 2 Std. 44 Min.

 

Was ist 2017 nur für ein Kinojahr? „Es“„Dunkirk“„Planet der Affen: Survival“„Get Out“… Und das waren nur die absoluten Perlen. Aber Vorsicht, da kommt „Blade Runner 2049“ reinmarschiert! Ganz lässig kommt er daher, denn er weiß, was er kann. Er setzt sich. Ein Erdbeben entsteht. Und alle fallen sie vom Thron, als wären es Amateurfilmchen. Es ist gerade mitten in der Nacht. Eigentlich wollte ich nach einem so langen Kinobesuch vorerst das Bett hüten und die Kritik wie gewöhnlich morgen verfassen. Dieser Plan hat sich nun in Luft aufgelöst. Und schlafen kann ich nach diesem Film sowieso nicht mehr…

Die Replikanten-Herstellung wird 2023 verboten, da es zu einigen schwerwiegenden Vorfällen kam. Jedoch erfindet Niander Wallace (Jared Leto) bald daraufhin das verbesserte Modell „Nexus 9“ und die Produktion lebt 2036 wieder auf. Die alten Modelle müssen aber nach wie vor von den sogenannten „Blade Runner“ aufgespürt und getötet werden. Einer von ihnen namens „K“ (Ryan Gosling), selbst Replikant, gerät dabei auf ein Geheimnis enormer Tragweite…

Fangen wir beim Original an. Was hat es so großartig gemacht? Als erstes dürften einem die für damalige Verhältnisse bahnbrechenden Animationen ins Gedächtnis schießen. Vor 35 Jahren noch vor allem durch die unglaublich detaillierten Miniaturen visionär, heute werden dem Geschehen mit zahlreichen Computereffekten weitere Dimensionen hinzugefügt. Tut das der Sache einen Abbruch? Nicht im geringsten, denn sämtliche Gebäude und Umgebungen wurden trotzdem tatsächlich als Set gebaut! Nahezu selbstverständlich wird dem Kinogänger offenbart, was cineastisch eigentlich alles möglich ist. Pure Ästhetik des Cyberpunk – wie damals. Nur eben noch vielschichtiger. Los Angeles, der augenscheinliche Müllhaufen der Zukunft, wird nur noch durch herumschwirrende Drohnen im Licht getränkt. Und egal ob in ständigem Nebel, Regen oder Schnee gehüllt – die Atmosphäre dieser verkommenen Metropole ist zutiefst depressiv. Aber trotzdem: Jede Großaufnahme lässt einem Dank einer unbegreiflich surrealen, düsteren Ästhetik den Atem stocken. Wenn dann noch mit Licht- und Farbkontrasten gespielt wird und die Kamera dieses Geschehen perfekt einfängt ist das reinster Bilderporno. Ein kleiner Tipp: Sobald die DVD bzw. BluRay erscheint, drücke an einer zufälligen Stelle auf „Stopp“ und lasse das Standbild ausdrucken – es wird das schönste in deinem Zimmer sein. Doch nicht nur mit klassischem Steampunk, sondern auch mit moderneren Zukunftsvisionen wird herumexperimentiert. Auf der einen Seite schreibt „K“ mit einem stinknormalen Stift seine Notizen auf, auf der anderen Seite hat er im Prinzip ein hochtechnologisches Betriebssystem mit selbständiger Gefühlswelt als Partnerin.

© Sony Pictures

Das passt nicht nur überraschenderweise sehr homogen in ein und dieselbe kaputte Welt, es ist auch noch über alle Maßen philosophisch. Wie bei „Her“ werden tief verwurzelte Fragen zur Liebe in einer technologisierten Welt behandelt und darüber gerätselt, wie damit umgegangen werden könnte. Genauso wie die Vorstellung der Seele einen wichtigen Stellenwert der menschlichen Selbstwahrnehmung darstellt wird auch auf die Frage eingegangen, ob es überhaupt so etwas wie tatsächliche „Echtheit“ gibt – und wenn ja, welche Relevanz dieses Konzept überhaupt haben soll. Wie viel „Mensch“ steckt z.B. in einer identisch menschlichen Kopie – und besitzen diese Abbilder Würde? Aber wenn es nur das wäre: „Blade Runner 2049“ schneidet nicht nur noch so viele weitere Themen an, er behandelt sie auch ausführlichst. Im Laufe dieses Epos entfaltet sich eine so gewaltige Menge an zugleich faszinierenden und verstörenden Zukunftsvisionen, dass man sich nur noch erschlagen fühlt. Spätestens hier kann man feststellen, dass es Villeneuve tatsächlich gelungen ist den meisterhaften Vorgänger sogar noch zu übertrumpfen.

Jedoch zieht „Blade Runner 2049“ seine Kraft auch gerade aus den Referenzen zu Ridley Scotts Franchise-Erstling. Und die gibt es zu Hauf. Von den immer noch aktiven „Coca Cola“-Werbetafeln, über fliegende Polizeiautos hin zu den gigantischen, freizügigen Frauenprojektionen an Hochhauswänden (nur diesmal eher als dreidimensionale Hologramme). Mit großem Respekt wird mit solchen Hommagen seinem Vorgänger für das Erschaffen einer so faszinierenden Welt gedankt – aber es geht noch darüber hinaus: Auch die beiden Handlungen sind weit mehr miteinander verstrickt, als man zunächst mutmaßen könnte. Seid gespannt! So entpuppt sich „Blade Runner 2049“ als echtes Epos gigantischen Ausmaßes und einer tiefliegenden Tragik, die man so selten erlebt. Das verpasst einem dann auch eine unzählbare Menge an Gänsehaut-Momenten. Und wie sollte es anders sein – die Musik trägt dazu bei. Kein einziger erdrückender Paukenschlag im Gewitter, keine schrillen Klänge in einer Strahlen-verseuchten Wüste und keine der schaurigen Streicher gehen an einem spurlos vorbei.

© Sony Pictures

Blade Runner 2049“ beherrscht alles in Perfektion: Pure Bildgewalt, pure Kreativität, pure Philosophie, pure Intensität. Der Film ist handwerklich so gut, dass man beinahe das Schauspiel vergisst. Das braucht sich aber wahrlich nicht verstecken. Ryan Gosling brilliert wie immer in einer unterkühlten, unglaublich feinfühligen schauspielerischen Performance. Wie bereits bei „Drive“ bin ich auch hier völlig von den Socken – denn der Mann weiß, was er tut. Alt-Star Harrison Ford durfte wohl die meisten traurigen Mienen seiner Karriere ziehen und Sylvia Hoeks wie Jared Leto performen eindrucksvoll das unfassbar gut konzeptuierte Quasi-Bösewichts-Duo, auch wenn man jetzt nicht gleich auf eine Oscar-Nominierung oder ähnliches setzen sollte (Was auch an der verhältnismäßig geringen Screen-Time liegt). Tatsächlich wird das Schauspiel aber auch einfach überschattet von der immensen Fallhöhe dieses Meisterwerks – was auch gut so ist. Die Prioritäten wurden richtig gesetzt und es wurde alles auf ein lupenreines Gesamtbild hin ausgeklügelt. So gibt es auch keinerlei halbscharige Kompromisse mit den Produktionsstudios um den Film zugänglicher zu gestalten, wie es in letzter Zeit bei anderen Projekten des Öfteren geschah. Dieses Meisterwerk ist einfach extrem dreckig, direkt und thematisch komplex – und so fällt mir tatsächlich kein einziger Kritikpunkt ein. Um damit den Kreis zum Anfang zu schließen: Wann darf ich in diesem Jahr eigentlich endlich mal wieder richtig meckern? 😀

Fazit: Natürlich erhält „Blade Runner 2049“ die volle Punktzahl. Alles andere wäre lächerlich bei einem Meisterwerk dieser epochalen, poetischen wie philosophischen Größe. Nicht nur wird pure Perfektion (falls es so etwas gibt) in sämtlichen Aspekten geboten, sondern auch noch der Meilenstein von Vorgänger übertrumpft. Da bleibt für mich nur noch die Frage: Was soll jetzt schon noch kommen?

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