Garantiert ein guter Abend – „Berlin Berlin“ im Deutschen Theater (Kritik)

Mit Eltern oder Freunden einen Abend ins Theater! Aber was anschauen? Ins Residenztheater oder in die Kammerspiele? Vielleicht zieht sich jemand auf der Bühne aus oder es wird nur geschrien…
Ins Deutsche Theater! Ein Musical? Aber vielleicht ist es albern oder belanglos…
Doch keine Sorge. Wer Tickets für „Berlin Berlin“ holt, hat auf jeden Fall einen tollen Abend!
Nachdem München am Vortag mit einer Preview angeteast wurde, folgte am Folgetag, am Mittwoch, 8. Januar 2020, die offizielle Premiere. Die goldenen Zwanziger sind das Thema, sie spielen nicht nur in der Literatur eine Rolle. Die wilde Zeit zwischen den Weltkriegen ist spätestens seit „Babylon Berlin“ auch in der Popkultur angekommen.

In diesem Stück wird das Who-is-Who der Berliner Partyszene in den Zwanzigern verhandelt. Hedonismus, Freizügigkeit, Charleston, Zigaretten in langen Haltern, alles ist dabei! ‚Willkommen, Welcome, Bienvenue‘, begrüßt der obligatorische Conférencier (Martin Bermoser). Jenen in Frack gekleideten Zirkusdirektor des Ensembles kennen Musical-Fans natürlich aus CABARET, er soll nicht die einzige Parallele bleiben.

© Christian Kleiner

Die Hauptfiguren der Show? Tanzende junge Frauen mit emanzipierten Kurzhaarfrisuren und Kleider mit Fransen und Federn. Genau, wie sich jeder diese Zeit vorstellt. Ende Dezember 2019 in Berlin uraufgeführt, macht die Eigenproduktion der Musicalschmiede BB Entertainment, die auch hinter Shows wie Bodyguard oder Flashdance steht, mit dieser Inszenierung nun Halt in München. BB Entertainment bringt nicht nur eine Live-Band, sondern auch ein besetzungsstarkes Ensemble und einen riesigen Koffer Kostüme mit. Schon allein für diese würde es sich lohnen, die Show zu besuchen. Das Charleston Thema erfreut sich so großer Beliebtheit, dass an diesem Mittwoch nicht nur einige der Stargäste im Deutschen Theater in aufregenden und authentischen Kostümen der Epoche erschienen. „Berlin Berlin“ ist ein unterhaltsamer Abend, der alles bietet, was man an einem gehobenen bürgerlichen Theaterabend erwartet: Glanz und Glamour, Drama, schillernde Kostüme, Tänze, Musik, ein bisschen Skandal, viel Humor und Lieder, die man kennt und die im Ohr bleiben. Diese bilden den roten Faden des Abends. Er soll nämlich kein Musical sein, keine mit netten Songs unterlegte, seichte Geschichte, sondern eine Revue, eine historischer Spaziergang durch die Musik des Berlins der Zwanziger Jahre. Dabei sei angemerkt, dass unglaubliche 31 Songs den Abend füllen. Die meisten stammen tatsächlich aus der Zeit und sind noch heute weltbekannt, dazu gehören die ‚Moritat von Mackie Messer‚, ‚Im weißen Rössl‚ oder ‚Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt‘. Außerdem kann sich jeder Zuschauer auch die Eröffnung der zweiten Hälfte des Abends durch die ‚Comedian Harmonists‚ freuen. Bei Hits wie ‚Mein kleiner grüner Kaktus‚ oder ‚Ich wollt ich wär ein Huhn‚  wippt der ausverkaufte Saal heiter mit!

Aus der Reihe schlagen aus historischer Sicht Songs wie ‚Money‚ oder ‚Cabaret‚ aus dem gleichnamigen Musical. Das stammt nämlich gar nicht aus der Zeit, sondern spielt nur dort. Allerdings ist es wohl schwer vorstellbar, die goldenen Zwanziger musikalisch zu thematisieren, ohne diese wirklich treffenden Stücke einzubringen. Sicherlich wirken Sie auch als Publikumsmagneten, das mag sein, dennoch feiert Sophia Euskirchen als Anita Berber den stärksten Moment des ganzen Stückes mit ihrem Solo von ‚Cabaret‚. Sie hängt mit dieser spielerischen und musikalischen Leistung allein in diesem Stück die starke Besetzung leicht ab.

© Christian Kleiner

Neben Anita Berger kommen allerdings auch historische Figuren wie Marlene Dietrich (Nina Janke) ins Geschehen des Berliner Admiralspalasts. Was viele Zuschaer nicht wissen: Marlene Dietrich war zu Beginn ihrer Karriere keineswegs die unnahbare, charismatische Schönheit, als die sie in Erinnerung blieb. Die Unbeholfenheit der Anfänge reproduziert Janke in ihrem Spiel ganz herrlich. Dem perfekten Bild Dietrichs späterer Jahre wird sie nicht ganz gerecht – verständlicherweise, wer sollte diese Ikone auch adäquat spielen.  In den letzten zwanzig Minuten hat schließlich noch Swing-Star Josephine Baker (Dominique Jackson) ihren Auftritt und rockt die Hütte, auch sie trifft die historische Figur nicht ganz, ist aber ihn ihrer Ausstrahlung so energiegeladen, dass die von ihr erschaffene Figur für sich stehen kann. Begleitet wird sie, wie alle Hautdarsteller, von den Tänzen des Ensembles, das fleißig die Kostüme wechselt, mit Federn schüttelt und sich gegenseitig durch die Luft wirft. Diese Choreografien sind gute und solide Arbeit, an der deutlich erkennbar ist, mit wie viel Erfahrung die Produktionsmaschine von BB Entertainment Revues und Musicals umsetzt. Die mal nicht ganz sauber oder synchron getanzten Bewegungen werden von Kostümen und Spaß an der Performance wett gemacht!

Unangefochtener Publikumsliebling allerdings: Kutte! Der frohsinnige ‚Junge für Alles‘ im Nachtclub wird von Sebastian Prange mitreißend und so voller Freude gespielt, dass sich manche Zuschauer beim ‚Lachfoxtrott‚ gar nicht mehr einkriegen können. Das Bühnenbild (Conny Kraus), eine Lichtinstallation auf zwei Ebenen mit beweglichen Treppen, unterstützt die Handlung sehr passend und integriert die Live-Band sichtbar hinter Kulissenteilen in den Abend. Eine Storyline steht mit dem Format der Revue nicht im Fokus von „Berlin Berlin“. Trotzdem tritt diese von Christoph Biermeier geschriebene Handlung mitunter so stark hervor, dass es schon fast ein Musical in Cabaret-Manier ist. Etwas erschrocken sind die Zuschauer, wenn das unausweichliche Naziregime, in Form einer riesigen Hakenkreuz-Flagge, von oben herabgerollt und alle überkommt, Cabaret lässt grüßt! Allerdings kann man sich berechtigterweise fragen, ob diese hilflos wirkende Haudrauf-Ästhetik nicht gerade die sinnvollste ist, um den Umschwung von Vergnügungsgesellschaft in den zivilisatorischen Super-GAU zu demonstrieren. Nach diesem Schreck kommt dann, zum Glück!, Kutte, der die Hoffnung nicht verliert und allen Mut zuspricht.

„Berlin Berlin“ ist zusammengefasst ein handwerklich solider inszenierter Abend mit vielen Wow-Effekten, jeder Menge bekannter Lieder und einem Ensemble, dem man den Spaß am Performen anmerkt. Es ist nicht ganz eine Revue, es ist nicht ganz historisch korrekt und es ist nicht schwer, mit dem Material, das die Zwanziger zur Verfügung stellen, einen tollen Abend zu zaubern – all das macht den Abend aber nicht weniger toll!

Kritik: Jana Taendler