Avengers 4: Endgame – Filmkritik

(4,5 / 5)

© Disney © Disney•Pixar © & ™ Lucasfilm LTD © Marvel

 

 

Regisseur: Joe & Anthony Russo

Genre: Action

Produktionsland: USA

Kinostart: 24. April 2019

Laufzeit: 3 Std. 01 Min.

 

 

 

Marvel hat etwas geschafft, wovon Andere gar nicht erst zu Träumen wagen: Trotz Streaming-Zeiten verlässlich Kinosäle randvoll füllen und konstant tiefschwarze Zahlen zu schreiben. Das liegt schon lange nicht mehr etwa nur an einer eingefleischten Fangemeinde, denn das MCU ist längst zum absoluten Generationen-Phänomen avanciert. Wer sein 30. Lebensjahr noch nicht angetreten hat und das jeweils neueste „Avengers“-Abenteuer nicht spätestens Ende der Startwoche gesehen hat, wird wohl als skurriler Hipster abgestraft. Das MCU ist (mindestens) DAS „Harry Potter“-Franchise des letzten Jahrzehntes – und „Avengers: Endgame“ nun das fulminante Finale der ersten großen Runde namens ‚Infinity Saga‘. Schluss ist nach Marvel-Plan noch lange nicht mit Superhelden & Co., doch trotzdem fühlt man das Delta einer riesigen Sub-Ära in jedem Knochen. Auch weil sich die Regisseur-Gebrüder Joe und Anthony Russo mit ungeahnten Kniffs vor allen vorangegangenen 22 Filmen verbeugen und die Klammer würdevoll zu schließen wissen.

Mal ehrlich, wer kennt die Ausgangslage nicht? Der Super-Ober-Bösewicht Thanos (Josh Brolin) hat mithilfe der mächtigen Infinity-Steine durch einen Fingerschnips die Hälfte alles Lebens ausgelöscht. Die übrig gebliebenen Avengers, darunter Iron Man (Robert Downey Jr.), Captain America (Chris Evans), Bruce Banner/Hulk (Mark Ruffalo) und Thor (Chris Hemsworth), fühlen sich zunächst geschlagen – sind am Boden zerstört. Doch ein abstruser, neuer Plan könnte die aussichtslos erscheinende Situation doch noch gerade biegen…

© Disney © Disney•Pixar © & ™ Lucasfilm LTD © Marvel

Es ist kein Wunder, dass sämtliches Trailer-Material zum Film so verschlossen wie nur irgendwie möglich gehalten war. „Avengers: Endgame“ geht vollkommen neue Wege – die Spoiler-freie Review ist ein wahrer Drahtseilakt. Zumindest über die ersten 15 Minuten hinaus, nachdem sich die Story-Twists bereits zu überschlagen beginnen. Davor gibt es das vorhersehbare ‚Aftermath‘ der Halb-Apokalypse – und eine der großen Stärken des Films wird schnell offensichtlich: Intimität. Im Vergleich zum direkten Vorgänger „Avengers: Infinity War“ nimmt sich „Endgame“ sehr viel mehr Zeit für seine (nun enorm dezimierten) Helden – für individuelle Ängste sowie Schicksalsschläge. Beim einen rückt pathetisch die Familie in den Vordergrund, während sich der Andere in Selbsthass zurückzieht und ein Dritter gen Rachefeldzug trabt. Figurenprofile werden erweitert, teilweise gar neu interpretiert. So kommt es, dass der bisher recht langweilige Hawkeye urplötzlich sau cool ist – und Thor (als wahrer Star des Films) noch urkomischer als ohnehin schon.

© Disney © Disney•Pixar © & ™ Lucasfilm LTD © Marvel

Nicht nur die Marken-typischen Pointen, diesmal durch „The Big Lebowski“, „Looper“ und „Zurück in die Zukunft“-Vibes gewürzt, zünden besser als jemals zuvor – auch wird sich sprichwörtlich auf alte Stärken zurück besonnen, indem vorangegangene MCU-Werke clever für den gegenwärtigen Handlungsverlauf ins Gedächtnis gerufen werden. Wir besuchen nostalgisch alte Freunde, bekommen die Chance für einen letzten Abschied von bereits lange verflossenen Figuren. Während „Endgame“, trotz einer immensen Laufzeit von drei Stunden überraschenderweise der MCU-Film mit wohl am wenigsten Action-Geballer ist, erleben wir dafür die bis dato größte emotionale Fallhöhe. Und das ist bitter nötig für das bittersüße Finale das da kommt, wenn lieb gewonnene Figuren selbstlos ihre bisher größten Heldentaten begehen – was betont nicht immer den Tod bedeuten muss. Die Protagonisten besinnen sich zurück auf das was war, um zielsicher in die Zukunft blicken zu können. Für viele bedeutet dies das Ende einer unfassbaren Reise, für Andere den Anfang einer neuen. Und so viel Tränen bei Fans auch fließen dürften, so schwer der Abschied auch sein mag – so sehr wünscht man dem ein oder anderen rastlos kämpfenden Heroen nun auch den wohlverdienten Ruhestand. Beansprucht euer Sitzfleisch also nach drei Stunden Filmlänge nicht noch länger – auf eine ‚Post-Credit‘-Szene wurde passenderweise zum ersten Mal verzichtet. Alles was jetzt folgt, ist ein neues Kapitel. Und nach diesem ‚Blockbuster-in-Perfektion‘ dürften die meisten es kaum noch abwarten können.

© Disney © Disney•Pixar © & ™ Lucasfilm LTD © Marvel

Fazit: „Avengers: Endgame“ ist unendlich kurzweilig – nicht etwa, weil die CGI-Kämpfe und die zielsicheren Gags wie meist zu überzeugen wissen, sondern weil er einen gegenteilig auch mal durchatmen lässt. Die Russo-Brüder haben sich selbst übertroffen: Wir stehen nicht mehr einfach nur einem Superhelden-Epos gegenüber, sondern auch einer emotionalen Mär über Freundschaft, ehrliche Selbstreflexion und persönliche Selbsterfüllung. Es ist der wohl bisher beste MCU-Film – mehr könnte man sich kaum als Abschluss einer so großen Ära erhoffen.

(4,5 / 5)