Assassination Nation – Filmkritik

(3,5 / 5)

©Universum Film

 

Regisseur/in: Sam Levinson

Genre: I don’t have a clue

Produktionsland: USA

Kinostart: 15. November 2018

Laufzeit: 1 Std. 50 Min.

 

 

Sam Levinsons Film eröffnet direkt ‚Bad-Ass‘ mit einem kleinen Schrei nach Aufmerksamkeit: Schrille ‚Trigger‘-Warnungen vor Chaos kündigen Exzess-Szenen physischer sowie psychischer Gewalt an. „Was da noch alles auf einen zu kommt“ denkt man sich – doch keine Ansammlung von nullkommafünf-sekündigen Blutorgien-Schnipsel der Welt könnte über die artifizielle Darstellungsweise der Szenen hinwegtäuschen. Ist das dann doppelbödige Kunst oder hirnloser Schockvalue? Diese Frage erschließt sich leider auch nicht im Laufe des Streifens zur Gänze – spritzender Lebenssaft oder eskalierende Hasstiraden zwischen Homophobie und Nationalismus auf der Leinwand alleine erschüttern ohnehin niemanden mehr. Irgendwie hat Levinson das auch verstanden, schließlich finden wir mit „Assassination Nation“ so etwas wie eine Gesellschaftskritik gegenüber den allgegenwärtigen Risiken der brodelnden Social-Media Gegenwart wieder. Doch wird man zugleich das Gefühl nicht los, Mittel zum Zweck für Gewalt wird hierbei besonders groß geschrieben… Aber wenn’s doch Spaß macht?

Highschool-Schülerin Lily (Odessa Young) und ihre Freundinnen Sarah (Suki Waterhouse), Em (Abra) und Bex (Hari Nef) leben das alltäglich energiereiche Dasein heutiger Jugendlicher zwischen Alkohol-Eskapismus und ständiger ‚Social-Media‘-Selbstvermarktung in der Kleinstadt Salem. Doch als ein anonymer Hacker beginnt, nach und nach sämtliche, private Schweinereien (wie bspw. Chatverläufe und intime Fotos) der Anwohner aufzudecken und allem Anschein nach auch noch die vier Freunde für diese Misere mitverantwortlich sind, beginnt die Situation aus dem Ruder zu laufen: Menschen verlieren ihre Jobs und ihr soziales Ansehen – lange dauert es nicht, bis völlige Anarchie ausbricht und der mordlüsterne Mob nach Rache sinnt…

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Nachdem man sich vom grob einminütigen Blutbad-Porno erholt hat, findet man sich zunächst in einem Highschool-Teenie-Filmchen der ungnädigsten Sorte wieder: Oberflächliche Romanzen und ständiges ‚Tweeten‘ am Smartphone wird in betrügerisch heiterer, überaus hektischer Atmosphäre thematisiert. Die augenscheinlich gute Laune hält jedoch nicht allzu lange an – denn sobald das erste kleine Geheimnis an die Öffentlichkeit dringt (in diesem Fall passend skurril, dass Lily’s Freund Mark (Bill Skarsgård) sie nicht oral befriedigen möchte) und soziale Demütigung droht, veräußern die Handelnden eine bis dato verborgene, hasserfüllte Natur. Liebe und Vergebung existieren bei „Assassin’s Nation“ weder bei den Jugendlichen (wenn bspw. die Ex-Freundin für Nichtigkeiten einfach auf dem Schulgelände körperlich angegangen und brutal entblößt wird), noch bei den Erwachsenen (wenn die eigene Tochter für unangebrachte Liebschaften kurzerhand einfach aus dem Haus geschmissen wird). Sexualität und ihr immer noch prüde mittelalterlicher Umgang demaskiert sich schnell als einer der zentralen Dreh- und Angelpunkte des Geschehens (atyptische Sex-Vorlieben sind das Einzige, was irgendwie immer noch zu empören weiß) – und Lily nimmt dabei so etwas wie die Rolle der progressiven Realistin an („Nackheit muss nicht immer gleich Sexualität bedeuten“ meint sie, als der Schuldirektor sie mit ihren ‚unangebrachten‘ Aktzeichnungen konfrontiert).

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Da sämtliche Charaktere mental vollkommen labil aufwarten und die Story verlässlich immer den vorstellbar schlimmsten Pfad einschlägt, dauert der Transfer vom Kleinstadt-Drama hin zur „The Purge“-ähnlichen Eskalation nicht besonders lange. Bald tragen die blutrünstigen Peiniger (welche sich für die Offenlegung ihrer dunklen Geheimnisse revanchieren wollen) Halloween-Masken und traben, unterstützt von nervenzerfetzender Horrormusik, mit Baseballschlägern und Pistolen der Jagd entgegen. Die Stimmung wird gnadenlos, düster und intensiv – bevor man weiß wie einem geschieht, findet man sich in so etwas wie einer von Ari Aster („Hereditary“) inszenierten „Black Mirror“-Folge auf Ecstasy wieder. Und doch profiliert vor allem ein Teilaspekt des Films enorm von diesen starken Stimmungsschwankungen: Die aggressiv einnehmende Kameraarbeit von Marcell Rév. Überaus komplex und durchdacht assimiliert sich diese stets mit der gegenwärtigen Szene und deren Akteuren. Wenn wir uns bspw. im Highschool-/ Party-Dunstkreis der (vom anstrengenden ‚Coolness‘-Faktor durchzogenen) Jugendlichen befinden, beschränken sich die Impressionen auf eine wackelige Handkamera und extreme Nahaufnahmen oder ein trigespaltenes Bild mit Reizüberflutung. Ruhige Familienszenen hingegen sind kerzengerade und mit sehr langen Einstellungen bebildert, um den ernsten Auseinandersetzungen genügend Raum zu geben. Das wahre Highlight und ein echter Augenschmaus jedoch ist ohne Frage eine enorm lange und fesselnde Plansequenz während einer ‚Home-Invasion‘, bei der von außen beobachtet werden muss, wie sich zahlreiche Killer leise Zugang zum Haus verschaffen und Stück für Stück die ahnungslosen Bewohner unschädlich machen.

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Obwohl die kreative Kameraarbeit dementsprechend ein wenig die Stellung des verzahnenden Prittstifts einnimmt, kann auf keinen Fall über die viel zu große Genre-Mixtur hinweggetäuscht werden. Vom flapsigen Teenie-Drama über ernsthaften Horrorfilm bis hin zur Thriller-Satire ist alles dabei – und als das Ganze im Anschluss an eine bittere Hinrichtungsszene, einem sprichwörtlichen Blutbad und einer Beinahe-Vergewaltigung auch noch plötzlich enorm groteske Züge von Tarantino’s „Kill Bill“ annimmt, ist man als Betrachter im Konglomerat der Wahllosigkeit ohnehin völlig verloren und kann nicht einmal mehr seiner eigenen Gefühlswelt trauen. Geistreiche Vielfalt verkommt zur absoluten Willkür.

Fazit: „Assassination Nation“ ist ein cineastisch hervorragendes Stück Kino mit Oscar-verdächtiger Optik und doch zugleich ein thematisch völlig konfuses, klappriges Konstrukt zwischen unnötig überspitzter Gesellschaftskritik und verwirrendem Sarkasmus. Zu wechselhaft, um im Gedächtnis zu bleiben – zu erzwungen erpicht darauf, unbedingt etwas Neues schaffen zu wollen. Belehren wird der Film einen nicht, dafür aber garantiert 110 Minuten lang in die Kinosessel pressen. 

(3,5 / 5)