Kreon – „antigone lebt*“ im Marstall (Kritik)

Kreon ist die Macht, die Musik, das Licht, der Ton auf der Bühne, erst als das gesagt ist, geht das Licht auf Bühne und im Zuschauerraum aus. Damit beginnt im Marstall „antigone lebt*“, das am 24. Juni 2018 als letztes Stück während des Marstallplans 2018 des Residenztheaters Premiere feiert.. Dass sie lebt, ist ihr größtes Problem! Eine zitternde und traumatisierte Antigone kommt auf die Bühne und zeichnet damit ein ganz anderes Bild als die „Standartauslegung“ der standhaften, würdevollen, gerechtigkeitsliebenden Thronerbin. Antigone ist am Arsch! Voller Spannung und Konzentration spielt Lilith Hässle die Protagonistin und beweist damit: sie ist so wandelbar, dass man sich im Programmheft überzeugen muss, dass es wirklich die selbe Schauspielerin ist, die im „Volksfeind“ und „Don Karlos“ so vollkommen anders auftritt!

© Konrad Fersterer

Rikki Henry zeichnet hier eine Geschwistertragödie. Ismene (Lea Johanna Geszti) tritt als seriöse Stadträtin im metallenen, halbtransparenten Bühnenbild (Maximilian Lindner) auf und versucht zu retten, was zu retten ist. Geflüchtete wollen, nachdem der Krieg ausgebrochen ist, Einlass an den Stadttoren, Antigone weiß nicht, wo ihr der Kopf steht, bei so viel Leid. „Hat der ständig abrufbare Strom traumatischer Ereignisse einen körperlichen Einfluss auf dich?“, fragt die Computerstimme (aka Kreon?). Ismene muss Entscheidungen treffen. Auch die Brüder erstehen wieder auf.

© Konrad Fersterer

Susanne Fournier arbeitet in ihrem Text an der Frage: „Was muss zwei Brüdern passieren, dass sie sich so uneinig sind, sich gegenseitig auf dem Feld abzuschlachten?“ Polyneike (Nils Strunk), der radikale Technoschamane, will nur feiern und die Steifheit des Walzertanzenden Eteokles (Thomas Lettow) reizt ihn! Die Linke gegen den Kapitalismus! Die schwarz/weiß-Positionierung findet sich auch im Kostüm (Lara Hohmann), lediglich durch die roten Schmieren des Kunstblutes unterbrochen, das sich Antigone zu Beginn der Inszenierung überkippt und effizient auf alle anderen Spieler verteilt. Alle vier Geschwister werden zwar überzeugend und mit höchstem Einsatz gespielt, ihre Figuren sind allerdings ein wenig durchschaubar. Nachdem es zwischen den Brüdern zur Schießerei nach dem Streit kommt, brechen endlich bei Ismene alle Dämme, wenn die, die jede Situation in letzter Sekunde rettet, Klartext schreit. Doch, dann ist das schon sehr spaßig.

Insgesamt bietet diese Inszenierung neue Sichtweisen auf die Tragödie, die man so gut zu kennen scheint. Diese sind spannend und vielfältig umgesetzt. Bühne, Musik, Licht – da ist wirklich viel zu sehen!

Kritik: Jana Taendler