Wenn das ein Theaterstück über mein Leben wäre, … – „Androiden aus Mitteldeutschland“ im Residenztheater (Kritik)

Ein Soloabend von und mit Mareike Beykirch. Das ist dieser Abend allerdings. Sie nimmt uns mit auf eine Reise in ihre Vergangenheit, lässt uns teilhaben an ihren größten Sorgen und Ängsten. So nah ist man als Zuschauer einer Schauspielerin auf der Bühne schon lange nicht mehr gekommen. Und man kommt Beykirch nicht nur einfach nah, sondern man genießt auch jede Sekunde dieser Nähe im Marstall Café des Residenztheaters.

Mareike Beykirch kommt aus einer mitteldeutschen Provinz, einem Ort, von dem man wahrscheinlich bisher noch nie etwas gehört hat. Sie ist in der ehemaligen DDR aufgewachsen und stammt aus der Unterschicht. Eine Tatsache, die sie ihr ganzes weiteres Leben begleiten und nie mehr loslassen wird. Nicht sie selbst hat ein Problem damit, aus der Unterschicht zu kommen, sondern die Gesellschaft lässt es für sie zu einem Problem werden. Mehr als einmal musste sie das schmerzlichst erfahren.

© Lucia Hunziker

In emotionalen und sehr persönlichen Briefen lernen wir ihre Familie kennen. Persönlich vor allem deshalb, da sie alle Texte selbst geschrieben hat. Inspiriert wurde sie von Édouard Louis Buch Wer hat meinen Vater umgebrachtIhre Texte sind ehrlich und schön und sie nimmt uns mit ihnen auf eine Reise durch die Zeit. Die Geschichten ihrer Familienmitglieder erzählt sie zudem passend anhand verschiedenster Musikbeispiele, durch welche wir uns den Figuren noch näher fühlen. Über ihre Mutter, die zu Dirty Dancing Mareikes Vater kennen lernte, oder ihren Bruder, der es liebte, zu den No Angels zu tanzen. Die Geschichten dieser Familie gehen ans Herz.

Neben all dieser Nostalgie und den schönen Erinnerungen und Erzählungen der Vergangenheit darf jedoch nicht vergessen werden, aus welcher Schicht Beykirchs Familie kommt und was es bedeutet, aus dieser Schicht zu sein. Sie hält ein starkes Plädoyer gegen die Aussagen einiger Politiker unserer und früherer Zeiten und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Und sie hat Recht. Recht damit, dass sich etwas ändern muss an der Situation derer Menschen, die nicht anders können, als jeden 1€-Job anzunehmen, den sie bekommen können und für die es anscheinend in unserer Gesellschaft keinen Platz zu geben scheint. Es ist herzergreifend und mehr als inspirierend, wenn sie kurz vor Schluss erzählt, dass sie sich aus der Unterschicht gekämpft hat, dass sie es geschafft hat, sich gegen jeden Zweifler durchzusetzen und die Steine in ihrem Weg zu überwinden. Sie weiß jedoch selbst, dass sie die Ausnahme darstellt. Eine Ausnahme, welche keine Ausnahme sein sollte. Eine Ausnahme, die für so viel mehr Menschen möglich sein sollte.

Am Ende ihres Soloabends wechselt Mareike Beykirch ihre Perspektive mehr in die Gegenwart zurück. Sie erzählt, dass das Theater der Ort ist, der sie gerettet hat und ihr geholfen hat, den Mut zu fassen, ihren Weg zu gehen und aus ihrem bisherigen Leben auszubrechen. Sie ruft deshalb auf, diesen Ort zu schützen. In diesen schwierigen Zeiten dürfen wir vor allem die freien Theaterschaffenden nicht vergessen und müssen ihnen helfen, wo wir nur können. Andererseits wird es eine solche Vielfalt des Ortes, an dem wir ausbrechen, an dem wir unserer Meinung äußern und verwirklichen können, erstmal nicht mehr geben. Der Ort, an dem auch sie gelernt hat, dass alles möglich zu sein scheint. Der Ort, der ihr geholfen hat, den Mut zu fassen und die Stärke aufzubringen, ihr Leben in die Hand zu nehmen und etwas zu verändern. Etwas, das mit Hilfe des Theaters und der Kultur generell vielleicht noch vielen anderen Menschen möglich sein kann, wenn wir diesen Bereich jetzt nicht vernachlässigen.

Kritik: Rebecca Raitz