Obersteirer – Andreas Gabalier im Olympiastadion (Konzertbericht)

Nein, die mit Trachten gewandeten Menschenscharen haben sich nicht für den Geburtstag des Städtchens Münchens herausgeputzt, was am 15. Juni 2019 in Form des Stadtgründungfests auf und um den Marienplatz gefeiert wurde. Für diese Leute ging es Richtung Olympiapark. Andreas Gabalier, selbstbetitelt Volks Rock’n’Roller und der wohl erfolgreichste männliche Sänger im Volksmusik-Bereich, spielt zum bereits vierten Mal in Folge im Olympiastadion auf – und zum vierten Mal ausverkauft.

© Petra Schönberger

„10 Jahre Volks Rock’n’Roll“ prangt groß auf der Bühne. Sein Jubiläumskonzert feiert er heute, inklusive TV-Aufzeichnung, nicht in der Steiermark, seiner Heimat, wie er hundertfach betont, sondern in München, mitten in Bayern. Der Zulauf spricht für die Ortswahl: rund 69.000 weibliche und (in der Unterzahl) männliche Besucher strömen seit Einlass in den Stehbereich. Vorprogramm gibt es von Wolfgang Frank und De Zwa, die mit Akustik-Gitarre quasi ein Radio-Best-Of geben, von „Angels“ bis „Fürstenfeld“. Zusätzlich Marie Wegener, DSDS-Gewinnerin 2018, die ihre Single „Königlich“ sowie „Never Enough“ von The Greatest Showman zum Besten gibt. Zum Abschluss noch About Kings, poppiger Rock’n’Roll aus Österreich, der ein wenig wie die eintönigere Version von Gabalier-Musik klingt. Als um 20 Uhr also der Hauptact des Abends startet, ist der Jubel dementsprechend groß.

Setlist About Kings: About Kings Are Here In Town / Hopp oder Drop / Easy Rider / Tinder / I denk an di / Böse Mädchen / Gott sei Dank / Daham is daham

© Petra Schönberger

Andreas Gabalier marschiert mit erhobenen Händen durchs Publikum, die Fans rennen auf ihn zu. Als er auf der Bühne ankommt, startet seine 12-köpfige Band erst einmal mit einem Hit-Medley von „I sing a Liad für di“ bis „Hulapalu“ – Stimmung entfachen, die Fans zu Höchstleistungen antreiben und deutlich manifestieren: jetzt beginnt der wesentliche Teil des Abends. Knapp 180 Minuten wird das Konzert, nur unterbrochen durch kurze Video-Einspieler. Gabaliers Stimme hält durch, bis zum Schluss, seine Band spielt auf erstklassigem Niveau und schafft den Spagat von Volksmusik, Rock und Blues. Allgemein definiert sich Gabalier live deutlich rockiger als auf Platte und dürfte den Kritikern, die ihm musikalische Dümpelhaftigkeit vorwerfen, zumindest im Instrumentalen etwas entgegensetzen. Die Soli überlasst er zwar seinen Mitmusikern, er selbst wechselt aber zwischen Gitarre, Akkordeon und Piano.

© Petra Schönberger

Das stellt natürlich die Frage, ob man Künstler von seinem Schaffen trennen kann. Im Fall von Gabalier, der etliches seiner eigenen Meinung in seine Texte packt, kann das aber in keinem Fall zutreffen. Zwar distanziert sich Gabalier immer wieder von den Vorwürfen der Frauenfeindlichkeit und Homophobie – liefert dann aber spätestens mit dem Folge-Album wieder einige Textstellen ab, die genau diese Vorwürfe untermauern. In beispielsweise „Zuckerpuppen“ und „Hallihallo“ sieht er Frauen letztendlich nur als Menschen, die sich für Männer hübsch machen, in Dirndl, High-Heels und mit Lippenstift. Auch in „Fesche Madln“, wie er die weiblichen Besucher im Olympiastadion immer nennt und ein Lied des Abends heißt, verfestigt sich sein Bild:

Auf an Bankerl sitzt a Mäderl und des hot a so a Freid
Mit ihre knackig siaßn Wadln in an kurzn Dirndlkleid
Ihre rot lackiertn Zecherl san von Schneegleckerl umgebm
Für an gstandnen liabm Buam tät sie anfoch olles gebm

© Petra Schönberger

Die „gstandnen liabm Buam“, das sind eben solche wie Gabalier. Als „gesunden, bodenständigen Bergbauernbuam“ stellt er sich vor, fast ein wenig zu oft, dass es so recht glaubhaft bleibt. Der nette Junge von nebenan, wie auch Ed Sheeran sein Image pflegt, ist er schon lange nicht mehr, Gabalier ist ein Superstar im deutschsprachigen Raum. Ausverkaufte Stadien, Millionen von verkauften Platten, ein riesiges Kollektiv an Merchandise. Ein riesiges Marketing-Konstrukt steckt hinter den Steirer. Dass es funktioniert, zeigen die Menschenmassen – es wird mitgesungen, mitgeklatscht, einfach durchgehend mitgemacht. Die Stimmung ist gut bei der Dirndl- und Lederhosen-Fraktion und spätestens bei „Hulapalu“ fühlt man sich wie beim Wiesn-Revival-Konzert. Gabalier hat die Massen im Griff.

© Petra Schönberger

Doch wie schafft er das? Seine politische Meinung, irgendwo zwischen FPÖ und CSU, sein Wort- und Bild-Spiel mit rechten Symbolen, wie das Hakenkreuz auf dem „Volks Rock’n’Roller“-Cover (nein, absolut niemand steht so natürlich auf dem Berg!), können es kaum sein, das wird von vielen Fans eher ausgeklammert, nicht wahrgenommen oder ist schlichtweg nicht bekannt. „Schön, dass es so viele Normaldenkende gibt“, sagt er, nachdem er sich bei den Fans für das Ignorieren der kritischen Zeitungsartikel bedankt. Was folgt? „A Meinung haben“, sein politisches Statement, das textlich so unentschlossen herumwabert, dass es alles und wieder nichts aussagt. Aber schön klingt. So schön! Und das reicht dann auch wieder für ein Lichtermeer und schnelles Verdrängen des Inhalts. Als allerdings das Olympiastadion gemeinsam „Steirerland“ singt, wird es etwas krude. „Des Steiralond des is mei Heimatlond / und drum trog i ah mit so fü Stuiz mei Steiragwond“ ist sicherlich ein hymnenvolles Lied für heimatverbundene Steirer – aber für die Münchner? Die Fans reflektieren kaum. Andi sagt, dass wir singen sollen? Dann singen wir! Denn „nix is mehr daham als a Schnitzel aus der Pfann“. Und sowieso, „des is daham, i mog die Musi und an Kaiserschmarrn, denn nur do bin i daham“.

© Petra Schönberger

Für ganz andere Momente sorgt allerdings der Song „Vergiss mein nicht“. Da zeigt Andreas Gabalier, wie er klingen könnte, hätte er nicht das gewollte Korsett des kernigen Volks Rock’n’Rollers. Definierter Rock mit Pop- und Rap-Einlagen, dazu eine Feuershow und eine Melodie, die mehr an die einschlägigen Rockbands aus Deutschland erinnert als an ihn, den Barden zwischen Schlager und E-Gitarre. Nach „Hulapalu“ und rund zweieinhalb Stunden liegt Gabalier erst einmal bewegungslos auf der Bühne, saugt den Jubel, die Gesänge auf. Tränen hat er in den Augen – keine gespielten, absolut ehrliche und echte. Kein Wunder, denn selbst beim vierten Gastspiel im Olympiastadion bleibt es überwältigend. Der finale Block aus „Sie“, „Ewig“ und dem Beerdigungs-Lied Nr.1, „Amoi seng ma uns wieder“, schließen das Endlos-Konzert und verdeutlichen noch einmal: die Besucher kommen wegen der Musik, des „Party-Faktors“, des Mittanzens wegen, vielleicht sogar einfach nur deshalb, um das Dirndl wieder rauszukramen. Die Heimattümelei, das politisch doch etwas zu rechte Feld und die fragwürdigen Bilder, die er in seinen Texten vermittelt – die werden einfach weggetanzt.

Setlist: Intro-Medley / Volks Rock’n’Roller / Verdammt lang her / I sing a Liad für di / Dahoam / Kleine heile steile Welt / Kaiserjodler / Vergiss mein nicht / Hallihallo / Steirerland / Fesche Madln / Obersteirer / Königin der Alpen / Der Frühwirth / Mountain Man / A Meinung haben / Zuckerpuppen / Sweet Little Rehlein / Wo immer du auch bist / Bis du einschlafen kannst / Du bist Licht in meinem Leben / Blues-Medley / Bergbauernbuam / So liab hob i di / Verliebt, verliebt / Bayern, des samma mia / HulapaluZugaben: Sie / Ewig / Amoi seng ma uns wieder

Bericht: Ludwig Stadler

Herzlichen Dank an Petra Schönberger von Events For You für die Bereitstellung einiger Bilder!