Am Rande das Wahnsinns? – „Am Wiesnrand“ im Münchner Volkstheater (Kritik)

Alle Jahre wieder verwandelt sich die Hauptstadt des Freistaates in eine 16-tätige Mottoparty. Motto: Oktoberfest!
Stefanie Sargnagel war für das Münchner Volkstheater dabei. So würde die passende Anmoderation klingen, vor dem 90-minütigen Dokufilm im Video-Tagebuch-Format. Das Format ist hier allerdings das zweite von Stefanie Sargnagel verfasste Theaterstück „Am Wiesnrand“, das am 30. Januar 2020 im großen Saal uraufgeführt wurde. Nach „Ja EH! – Beisl, Bier und Bachmannpreis“ nimmt sich Sargnagel erneut der Identitätsthematik an. Was macht einen typischen Oktoberfestgänger aus? Wie stattet er sich am Besten aus? Oder sie?

Die zynische Bloggerin aus Wien scheint in Österreich zum Sprachrohr einer ganzen Generation geworden zu sein. Ein Sprachrohr, das sich selbst nicht ganz erst nimmt. Der Stil eines Blogs, die subjektive Erzählstruktur, wird auch in ihrem Theatertext beibehalten. Die SchauspielerInnen Henriette Nagel, Jan Meeno Jürgens, Jonathan Müller, Pola Jane O’Mara und Nina Steils berichten, mal einzeln, mal chorisch, aus der Sicht einer scheinbar frustrierten Mittdreißigerin, die für ein Theaterstück, mit deutschem Steuergeld ausgestattet, das Versuchsobjekt Oktoberfest auf eigene Faust erkunden soll. Wer den Humor von Stefanie Sargnagel kennt, der weiß, dass er oft überspitzt, oft sarkastisch, aber auch sehr treffend ist. Gerade weil der bayrische Humor manchmal ein bisschen drüber, manchmal ein bisschen sexistisch ist, gibt die emanzipierte (aber nicht belehrend-nervig-feministische) Art der Wienerin einen guten Kontrast dazu ab.

© Arno Declair

Am Wiesnrand ist einer Persiflage, aber keine Abrechnung mit dem Oktoberfest. Es geht nicht darum, dass die Hochkultur auf das hinabschaut, dem München und Bayern einen wichtigen Teil seiner Identität verdankt. Das Bühnenbild (Sarah Sassen): im Hintergrund eine gemalte Berglandschaft, die Klischeekulisse zum bayrischen Heimatstück! Links hinter der Band EUROTEURO aufgestellte Tannenbäume, bayrisches Heimatstück grüßt! Daneben ein großer, heller, ausgepolsterter Hügel, auf dem die SchauspielerInnen herum springen. Der Kotzhügel? Als das Licht besser wird und die Aufmerksamkeit sich von den SchauspielerInnen weg auf das gesamte Bühnenbild erstreckt, wird schnell klar: es ist ein riesiger liegender, beharrter Bierbauch. Das bayerische Körperteil schlechthin! Na, ein bisschen ist das vielleicht schon eine Abrechnung. Aber nicht auf eine boshafte Art.

Die fünf SchauspielerInnen in ihren Tierkostümen (vermutlich Kakerlaken) nehmen das Publikum mit auf eine Reise, die vielen im Saal nicht unbekannt ist. Das größte Volksfest der Welt wird in sehr vielen seiner Facetten besprochen. Besprochen, wohlgemerkt, nicht ‚gezeigt‘, denn hier wird nicht nachgespielt, sondern nur nacherzählt. Und das sehr gut, der Wechsel von einzelnen Sprechern und chorischen Elementen zeigt Sprechtheaterkunst auf hohen Niveau. Regisseurin Christina Tscharyiski versteht ihr Handwerk und schafft es, die Zuschauer häufig zum Lachen zu bringen, ohne eine Klamaukveranstaltung aus dem Abend zu machen. Und das, obwohl das Ensemble im zweiten Teil als Lebkuchenherz, Bierglas, Zuckerwatte und dergleichen verkleidet ist.

© Arno Declair

Wie hat die Autorin das Oktoberfest also nun erlebt? Wie die meisten Menschen auch: man fragt sich, was dieses gigantische Besäufnis eigentlich soll! Man erkennt, wie viel Verschrobenheit darin steckt, mit riesigem Tamtam die Wiesnwirte, die meisten davon übergewichtig, einziehen zu lassen, findet die Parade aber zugleich beeindruckend. Man nimmt wahr, wie viele Leute auf der Wiesn in der Gegend rumschiffen und kotzen, findet das widerlich. Zugleich hat man aber, wenn man einmal im Zelt ist und von er Musik mitgerissen, eine wahnsinnig gute Zeit, man versteht dann, was die ganzen Leute an dieser Veranstaltung finden, und löst sich auf, im Trubel auf dem Megarummel, genießt das Bier, schiebt sich Hendl rein, sucht sich einen paarungswilligen Gast der Mottoparty (Kostüm: Tracht) und schleppt sich irgendwann wieder ins Hotel, um am Tag darauf von Neuem anzufangen. Diese Erzählungen werden vom Ensemble witzig und kreativ umgesetzt, alle SchauspielerInnen sind gleich gewichtig besetzt, genau wie alle Oktoberfestgänger im Getümmel gleich sind. Auflockerung verschafft die Band EUROTEURO. Wie in ‚Ja-EH!‚, spielt sie immer wieder auf und verkürzt so den ohnehin kurzweiligen Abend. Außerdem gibt sie dem Publikum den obligatorischen Ohrwurm ‚Ein Prosit‘ mit in den Abend.

Was ebenfalls allen in Erinnerung bleibt, das sind die großartigen Vergleiche Sargnagels und ihre treffende Art zu beschreiben. So heißt es unter anderem, wenn die sexuellen Ausnahmezustände auf der Wiesn beschrieben werden: „Jede Bier eine Samenbank!“ Die Stickerei auf der Lederhose wird als „Ein Mann mit Hirsch im Genitalbereich“ beschrieben und die Gesichter vor dem Käferzelt sind „angespannt… von zahlreichen Schönheits-OPs“. Ab und an bleibt das Lachen aber auch im Hals stecken. War es wirklich so schlimm?, denkt man auch das eine oder andere mal, wenn die Zustände beschrieben werden. Dennoch, Sargnagels Sprache steht so für sich, dass auch eine Lesung schon eine herrliche Unterhaltung darstellen würde. Wie soll ein so starker Text inszeniert werden? Wie können Regie, Bühne und Schauspieler dem gerecht werden? Christina Tscharyiski beweist, dass das möglich ist. Mit der entsprechenden Zurückhaltung lässt sie die Worte oft lediglich vortragen und für sich stehen. An anderer Stelle werden sie von den SchauspielerInnen, fast schon PerformerInnen, herausgebrüllt und gesungen – und dadurch verstärken sich alle hervorgerufenen Gefühle noch! Die ganze Palette an Oktoberfest-Emotionen wird abgefahren: Die Befremdlichkeit gegenüber hähnchenförmigen Hüten, die elektronisch mit den Hühnerkeulen wackeln, die gute Laune im Rausch, die Gemeinschaft im Bierzelt, die Erschöpfung und das trotzdem Weiterfeiern…

Dramaturgin Rose Reiter sorgt für die ausgewogene Balance zwischen diesen Aspekten. Diese Balance ist nicht selbstverständlich. Leicht hätte aus dem Text ein deprimiertes Miesepeterstück oder eine dudelnde Lobeshymne werden können. Das Ergebnis ist aber wirklich gut geworden, ehrlich, realistisch, lustig, schön zum Ansehen, mit einigen tiefgründigen Momenten, mit Innehalten und ein wenig Schwermut, mit Blödelei und Auf-Dem-Bierbauch-Wälzen.
Kurz und gut, diese Inszenierung hat geschafft, was jedes Theaterstück schaffen sollte: einen guten Text durch Bühne, Schauspieler, Licht und Ton noch besser zu machen! Darauf erstmal: oans, zwoa, drei. Gsuffa.

Kritik: Jana Taendler