Zurück zum Punk-Rock der 2000er – „American Idiot“ am Prinzregententheater (Kritik)

Schrille Frisuren, tätowierte Haut, Mittelfinger in die Luft – das ist „American Idiot“. Natürlich noch viel mehr als das. Aber dies ist der erste Eindruck, den man erhält, wenn die etwa 20 Musical-Studierenden der Theaterakademie August-Everding auf die Bühne springen. Die Jugendlichen sind unzufrieden, sie lechzen nach Veränderung, wollen eine Revolution. Kein Halten mehr. Für sie steht fest: Es muss noch mehr geben als das langweilige Leben in der Kleinstadt, in der nie etwas passiert und man einfach so vor sich hinlebt. Dass sie später Opfer der Großstadt werden, können sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen.

Green Day‘s wohl bekanntestes Album „American Idiot“ ist sicher jedem ein Begriff. Wir alle kennen Hits wie „Wake Me Up When September Ends“ oder „21 Guns“. Interessant zu wissen ist, dass die Band, kurz nachdem sie das Album fertiggestellt hatte, schon wusste: hier wurde mehr als nur Musik geschrieben. Dieses Album muss auf der Bühne oder in einem Film verarbeitet werden. Sie suchten sich die Hilfe des Produzenten Michael Mayer und machten ihr Erfolgsalbum „American Idiot“ gemeinsam zum Musical.

© Lioba Schöneck

Die Handlung spielt rund um die drei Jugendlichen Johnny, Tunny und Will. Sie alle sind unzufrieden mit ihrem langweiligen Leben daheim und möchten daher die weite Welt entdecken, indem sie in die Großstadt ziehen. Für Johnny und Tunny ist es kein Problem, ihr altes Leben einfach hinter sich zu lassen, doch Will’s Freundin Heather offenbart ihm, dass sie schwanger ist. Er entscheidet sich deshalb zuhause zu bleiben und die große Reise nicht anzutreten. Die anderen zwei machen sich auf den Weg und anfangs scheint alles so zu sein, wie sie es sich vorgestellt haben. Doch dieses Glück währt nicht lange. Sowohl Johnny als auch Tunny lassen sich von den Reizen der Großstadt verführen. Tunny wird vom so genannten „Lieblingssohn“, dem Inbegriff des amerikanischen Helden, dazu verleitet, zum Militär zu gehen, und Johnny verfällt der Drogensucht.

© Lioba Schöneck

Johnnys Drogensucht, ein immer wiederkehrendes Thema des Musicals, wird ausgelöst durch eine zentrale und äußerst interessante Figur – St. Jimmy. St. Jimmy ist keine reale Person, vielmehr der Inbegriff der Revolution und Freiheit, der Held des Untergrunds. Und außerdem Johnnys Dämon, wie es scheint. Er verleitet ihn immer wieder dazu, der Sucht nachzugehen und sein Leben damit zu vergeuden, dauerhaft nur die Rebellion zu feiern. Zudem stört St. Jimmy immer wieder die Beziehung zwischen Johnny und Whatshername, ein Mädchen, in welches sich Johnny verliebt, doch deren Namen er leider zum späteren Zeitpunkt bereits vergessen hat. Durch die Liebesbeziehung hat er immer weniger Zeit, sich mit der Rebellion auseinanderzusetzen, was sein innerer Dämon natürlich nicht zulassen kann. St. Jimmy wird gespielt von Andy Kuntz, welcher gleichzeitig der Leadsänger der Band „VANDEN PLAS“ ist, welche das Stück gekonnt begleitet. Seine Darbietung ist mehr als überzeugend. Sowohl gesanglich als auch spielerisch verkörpert er die Rolle perfekt.

© Lioba Schöneck

Das Musikalische lässt generell kaum zu wünschen übrig. Die Sänger zeigen, was sie in ihrem Studium lernen, denn ihre Stimmen sind alle überzeugend. Vom Ensemblesänger zum Solisten. Die Klangfarben harmonieren wunderbar, sowohl in Duetten, Terzetten und auch in Ensemblestücken. Besonders hervorheben kann man das Stück „21 Guns“. Hier stimmt einfach alles: Das Arrangement, der Chorsatz, die Mehrstimmigkeit. Alles von höchster Qualität und absolut mitreißend. Die Sänger und die Band überzeugen durch eine selbstsichere Darbietung und gehen gekonnt mit den durchaus nicht einfachen, rockigen Songs um.

Im Gegensatz dazu steht allerdings die Dramaturgie des Stückes, welche nicht ganz so positiv bewertet werden kann. Die Geschichte, welche in Tagebuch-Form von Johnny erzählt wird, verfügt über wenige Dialoge und es wird schwer, der Handlung dauerhaft klar zu folgen, wenn die Lieder, die teilweise direkt unvermittelt aufeinanderfolgen, ähnlich klingen und sich in ihrer Aussage kaum unterscheiden. Zudem machen es uns die teilweise unmittelbaren Wechsel zwischen Ballade und Rock-Song, zwischen kurzem Text-Abschnitt und Rebellionsfeier, extrem schwierig in die Figuren einzutauchen. Uns wird der emotionale Zugang zu ihnen fast ein bisschen verwehrt. Vielleicht wird dies als bewusstes Stilmittel eingesetzt, aber die emotionale Auseinandersetzung der Figuren mit und unter sich, und auch die des Zuschauers mit den Figuren, bleibt letztendlich einfach etwas auf der Strecke.

© Lioba Schöneck

Wie schon anfangs angesprochen, lassen sich viele der größten Hits von Green Day im Musical finden. Allerdings muss man sich vorher bewusst machen, dass diese nicht in der Originalsprache Englisch, sondern auf Deutsch gesungen werden. Die Texte sind zum größten Teil nicht schlecht übersetzt, jedoch wirken gerade die bekanntesten Songs am Anfang sehr befremdlich in deutscher Sprache. Man sollte versuchen, sich frei zu machen von den originalen Texten und sich einzulassen auf etwas Neues, was man so noch nicht gehört hat. Gelingt einem dies nicht, wird man die Hits nicht genießen können, was das wunderbare Erlebnis dieses Musicals, welches es sein kann, deutlich eindämmen wird.

© Lioba Schöneck

Das Bühnenbild ist relativ schlicht gehalten. Ein großes Gerüst, welches man verschiedenartig bewegen und verändern kann, steht in der Mitte der Bühne. Auf diesem werden immer wieder verschiedene Projektionen, wie zum Bespiel die amerikanische Flagge oder Bilder und Videos der Darsteller, gezeigt. Lichteffekte spielen bei einem solchen Musical natürlich eine besonders wichtige Rolle. Während den Rocksongs wird an diesen nicht gespart. Und die Lichteffekte, sowie auch die laute, rockige Musik gehören zu diesem Stück wie nichts anderes dazu. Auf das nicht ungefährliche Stroboskop-Licht wird vorher extra hingewiesen und auch Kopfhörer kann man an den Garderoben bekommen.

Fazit: „American Idiot“ ist mal ein etwas anderes Musical, welches sich wirklich anzuschauen lohnt. Neben kleinen Kritikpunkten an der Dramaturgie oder der Übersetzung der Songs in deutscher Sprache, ist es einfach nur ein großartiges Erlebnis. Eine wichtige Aussage des Stückes und auch des gleichnamigen Albums von Green Day ist, dass man etwas ändern muss, wenn man unzufrieden ist. Damals ging es ihnen vor allem um die Politik von Georg W. Bush und die Anschläge vom 11. September. Doch auch heute finden wir Parallelen zu diesen Ereignissen und sind unzufrieden mit der Welt, in der wir leben. Vielleicht sollten wir uns ein Beispiel an „American Idiot“s Rebellion nehmen und uns fragen, was wir wie verändern können, um unsere Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Kritik: Rebecca Raitz