Leben heißt sterben lernen – „Alles, was ich nicht erinnere“ am Volkstheater (Kritik)

Es war einmal ein junges Herz. Besitzer war der 26-jährige Samuel. Doch eines Nachmittags rast Samuel mit dem Auto seiner Großmutter gegen einen Baum. Er stirbt. Nun pocht sein Herz überdimensional groß, aber anatomisch korrekt im Münchner Volkstheater. Die Uraufführung „Alles, was ich nicht erinnere“ hat am 15.04.2018 im Rahmen des „Radikal jung“- Festivals seine München-Premiere.

© Ana Lukenda

Unter der Regie von Charlotte Sprenger wird der gleichnamige Roman des Jonas Hassen Khemiri adaptiert und das Leben des Samuels Revue passiert. War es ein Unfall oder Selbstmord? Um diese Frage zu beantworten, rekonstruiert ein namenloser Autor die letzten Tage des Verstorbenen. Das Publikum ist der stumme Schriftsteller. Die Darsteller führen ein Zwiegespräch. Ein Fünf-Personen-Stück mit einem Live-Pianisten.
Die Bühnen- und Kostümbildnerin Aleksandra Pavlovic entführt das Münchner Publikum in eine kindliche Traumwelt. Die Kostüme sind schillernd komisch: roter Ganzköperanzug, rote Fellohren, rote Haare. Spätestens als sich die Schauspieler sogar in einer Plüsch-Herz-Jacke synchron zu Rihannas „Love on the brain“ bewegen, wird klar: Alles ist in der Farbe rot gehalten. Nur die Erinnerung an Samuel selbst, gespielt von Max Bretschneider, ist in weiß gekleidet.

© Ana Lukenda

Es scheint als habe der Geist von Bertolt Brecht der Regisseurin Charlotte Sprenger mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Absurde Konversationen, ständiges Kommentieren, Zeitsprünge und absichtliches Aus-der-Rolle-Fallen der Schauspieler. Mal piepsen sie ihre Texte, mal grölen sie ihre verschiedensten Definitionen von Liebe in den Zuschauerraum. Geraucht wird die ganze Zeit. Ein Verfremdungseffekt jagt den nächsten, um den Betrachter bewusst aus der Illusion der gespielten Wirklichkeit zu reißen.

Es sind die Geschichten über Mutterliebe, Freundschaft, Partys und Drogenrausch. Über Leichtigkeit, Tragik, Korruption und das Gefühl der inneren Leere. Über das Alt- und das Älterwerden. Eines haben sie allerdings gemeinsam: es sind stets Geschichten über das Glücklichsein. Oder die der Versuche, es zu werden.

Eine Märchenwelt, auf die man sich einlassen muss. Wenn ein Eintauchen gelingt, ist auch Erkenntnis möglich. Charlotte Sprenger fängt mit dieser Produktion großartig den sprichwörtlichen „Herzschlag ihrer Generation“ ein. Ganz nach dem Motto „Die Guten sterben jung, doch die Besten sterben nie“, wird die Erinnerung an Samuel oder zumindest an diese Aufführung nun auch in den Gedanken der Zuschauer weiterleben.

Kritik: Carolina Felberbaum