Protection – Alcest im Technikum (Konzertbericht)

Für häretische Hymnen ist an diesem 9. Februar 2020 wohl die Olympiahalle die richtige Anlaufstelle, für all diejenigen, die in ihrer Musik eher eine Entlaufstelle zu finden hoffen, ist dagegen das Technikum die richtige Adresse. Dort spielen heute Alcest, unterstützt von Kælan Mikla und Birds in Row: Zwei sehr unterschiedliche Supportacts und jedermanns liebste Blackgaze -Eskapisten.

Kælan Mikla beginnen pünktlich um halb acht. Die drei Isländerinnen bieten bassstarken Synth Pop / Darkwave mit Texten in ihrer Muttersprache. Das ist gut gemacht, auch sympathisch und durchdacht präsentiert, mäandert allerdings auf Dauer etwas schwerfällig vor sich hin.

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© Birds in Row

Doch für Wachrüttelung ist gesorgt: Mit Birds in Row betritt wieder ein Trio die Bühne vor dem sich immer nachdrücklicher füllenden Technikum; jedoch von ganz anderer musikalischer Couleur. Hier gibt es rabiaten (Post-)Hardcore mit Converge-Anleihen und immer wieder starken Hooks und einer durchgehend aufsehenerregenden Instrumentalperformance zu hören. Auch diesmal beweisen Alcest also ein gewandtes Händchen bei der Auswahl ihrer Begleiterscheinungen. Hinter dem Vorhang seiner Haare hervor macht Sänger / Gitarrist »B« hastig seine Ansagen; beinahe ohne Verschnaufpause reißen die drei engagierten Herren ihr Set herunter. Es hat nur den Anschein, als trage sie dieses Vorpreschen mit gesenkten Hörnern eher über die Köpfe der Anwesenden hinweg, als in selbige hinein: Für wirkliche Einlassungen auf diesen Grad an Rasanz und Aggressivität ist der Rahmen hier nicht gegeben.

https://f4.bcbits.com/img/a3962441999_10.jpgNach bester dialektischer Methode erscheinen nach Thesis und Antithesis schließlich Alcest als Synthesis, darin sowohl die harsche Kante als auch die vernebelte Tiefe wohl aufgehoben sind. Die Band hat kürzlich ihr neuestes Werk »Spiritual Instinct« beim Label-Platzhirsch Nuclear Blast veröffentlicht und startet demgemäß mit »Les Jardins De Minuit«, das auch auf besagtem Album als Opener fungiert. Aber Neige (Gitarre, Gesang) und seine Kollegen sind nicht so eitel, über ihrem neuen Material den Dienst am Publikum zu vergessen: So kommen auch reichlich Lieblingsstücke von früheren Alben zur Sprache, insbesondere diejenigen vom herausragenden »Kodama« werden freudig begrüßt. Insgesamt wird der Band ein überaus warmer Empfang bereitet; milde lächelnd und sich leicht verneigend nimmt Neige den stets bereitwilligen nachdrücklichen Beifall entgegen – und beweist, wie man mit nichts als einer freundlichen, in sich ruhenden Ausstrahlung und wenigen Worten ein überaus präsenter Frontmann sein kann.

Den Abschluss bildet wieder einmal »Délivrance« – und wieder einmal war es schön und war es gut; mit warm-weicher, erhebend-melancholischer, verhallt-verzerrter Musik, während sich draußen der Sturm zusammenbraut.

Setlist: Les Jardins de minuit / Protection / Oiseaux de proie / Autre temps / Écailles de lune – Part 2 / Sapphire / Le Miroir / Kodama – Zugabe: Là où naissent les couleurs nouvelles / Délivrance