Lug und Trug im Ariengewitter – „Agrippina“ im Prinzregententheater (Kritik)

Georg Friedrich Händels „Agrippina“ ist wahrlich kein leicht verdauliches Werk. Dabei ist es weder zu fordernd noch zu ernst – aber doch musikalisch und spielerisch sehr ungewohnt. Eine waschechte Barockoper eben. Die Bayerische Staatsoper hat nicht zuletzt mit „Alceste“ ihre Liebe für das Barock-Zeitalter bewiesen, nun folgt Händels sechstes Werk, oft als sein großes Meisterwerk betitelt. Im Rahmen der Münchner Opernfestspiele 2019 feierte „Agrippina“ am 23. Juli Premiere im Prinzregententheater.

© Wilfried Hösl

„Scho wieder so a moderne Inszenierung“ erklingt es, mit Kritik im Unterton, vom Nachbarplatz. Fürwahr, das dreiteilige und zweistöckige Metallgerüst, clever unterteilt in Zimmer und Gänge und abgeschmiert mit Jalousien, steht inmitten der riesigen Bühne des Prinzregententheaters und lässt eine traditionelle Herangehensweise unwahrscheinlich erscheinen. Die Dame, die zuvor noch ihre Skepsis breitgemacht hat, wird zum Schluss stehend dem Ensemble zujubeln – und auch der Inszenierung. Denn Regisseur Barry Kosky weiß um die großen Vorteile seines Werkes: die Musik und die Charaktere. Ein großartiges Bühnenbild, das vom Geschehen ablenkt, braucht es kaum, lieber muss man die einzelnen Ensemble-Mitglieder fördern. Das gelingt ihm großartig, mit der Bühnenkonstruktion setzt er maximal kleine Akzente und bietet einen Raum zum Spielen, der zu keiner Zeit zu prägnant ist. Des Weiteren interpretiert er einige Arien deutlich humorvoller als sie wohl gedacht sind – das bringt eine witzige, erfrischende Note in die rund 215 Minuten lange Oper. Diese wird zwar zu keinem Zeitpunkt langweilig, die deutliche Länge spürt man bei einer einzigen Pause allerdings schon.

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Darüber hinweg täuscht allerdings einerseits die wirklich gut durchdachte und verflechtete Handlung der insgesamt acht agierenden Personen – und andererseits insbesondere die Musik. Das Staatsorchester unter der Leitung von Ivor Bolton hat wahrlich keine leichte Aufgabe mit Händels Kompositionen. Bolton gelingt es allerdings grandios, das überprägnante Cembalo in den Orchester-Kontext einzugliedern, ohne dass gleich der Flair einer durchgehenden Kammermusik entsteht. Ermüdung kommt sowieso nicht – eine Arie jagt die nächste, Jede und Jeder bekommt Solo-Momente in Massen. Insgesamt 37 Arien umfasst die Oper, alle werden sie gesungen. Eine Meisterleistung für das Ensemble – eine Offenbarung für das Publikum.

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Offenbarung vor allem deswegen, da das Ensemble so durchgehend stark ist wie selten in einer Oper. Welche Darstellerin, welcher Darsteller nun am stärksten ist – man kann sich schier nicht entschieden, so phänomenal sind die Gesangs- und auch insbesondere die Schauspielleistungen. Alice Coote als skrupellos taktierende Titelpartei der Agrippina ist da fast noch zurückhaltend, vor allem im Vergleich zu Nerone, historisch ihr Sohn Nero, gespielt von Franco Fagioli. Als tätowierter, rebellischer Jugendlicher mit Countertenor-Stimme bringt er die Zuschauer genauso sehr zum Szenenapplaus wie die absolut zauberhafte Elsa Benoit als Poppea. Auf einem Chor oder eine jubelnde Statisten-Menge wird verzichtet – das Publikum mimt Volk und Hofgemeinschaft. Besonders amüsant wird es, als Nerone durch die erste Reihe wandert und dort im ersten Akt sein Mitgefühl für die Verarmten bekundet. Spätestens, wenn er gespielt einfühlsam Herren und Damen in Abendgarderobe umarmt, kann man Kosky nur Applaus spenden für diese geniale Idee. Selbst wenn er es historisch nicht allzu genau nimmt (Kaiser Claudio ist im Werk ein aufrechter und liebestoller, kein kleingewachsener und halbgelähmter Herrscher), bleibt das Ende konsequent: Nerone an der Macht, Agrippina alleine. Der Preis für die Macht? Die Sozialisation.

Kritik: Ludwig Stadler
Besuchte Vorstellung: 28. Juli 2019