303 – Filmkritik

(3,5 / 5)

© Alamode Film

 

Regisseur/in: Hans Weingartner

Genre: Drama, Romanze

Produktionsland: Deutschland

Kinostart: 19. Juli 2018

Laufzeit: 2 Std. 19 Min.

 

Noch vor kurzem berichteten wir vom DOK.fest München und dem Streifen „Früher oder Später“, welcher eine ungewöhnlich präzise Dramaturgie und Inszenierung für eine Dokumentation aufwies – „303“ bildet nun interessanterweise beinahe die Kehrseite ein und derselben Münze. Hans Weingartners ‚Road-Trip‘-Romanze wirkt abgesehen vom anvisierten Reiseziel ‚Süd-Europa‘ dramaturgisch eigentlich recht planlos. Genau das verleiht dem Film jedoch eine gewisse Leichtigkeit und einen realistisch nahbaren Touch. Statt von klar definierter Szene zu Szene, von ‚Beat‘ zu ‚Beat‘ zu springen, fühlt es sich an, als würden sich die Drehbuchautoren Weingartner und Silke Eggert vor allem der Laune der Charaktere hingeben. Obwohl der Verlauf der Handlung selbstverständlich exponentiell durch die emotionale Annäherung unserer Protagonisten geprägt ist, drehen sich die philosophischen und romantischen Neckereien ständig im Kreis oder verfolgen kein klares Ziel. Vielleicht ist aber gerade das die effizienteste Herangehensweise, um den Zuschauer emotional an ein Liebesabenteuer zu binden – es könnte schließlich auch genauso gut das junge, rebellische und frisch verliebte Pärchen von nebenan sein.

Die 24-jährige Biologiestudentin Jule (Mala Emde) ist schwanger. Da sie diese Angelegenheit lieber persönlich mit ihrem in Portugal lebendem Freund klären möchte, macht sie sich kurzerhand mit ihrem 303er Bus auf die Reise. Kurz nach Anfahrt gabelt sie aus Gutherzigkeit den ihr fremden, aber gleichaltrigen Politikwissenschaftsstudent Jan (Anton Spieker) auf, der eine Mitfahrgelegenheit nach Spanien sucht, um seinen leiblichen Vater kennenzulernen. Nach anfänglichen Zankereien aufgrund divergenter Weltbilder beginnen die beiden sich auf ihrem gemeinsamen ‚Road-Trip‘ langsam und mühsam ineinander zu verlieben.

© Alamode Film

Jan und Jule leben für die Diskussion, so möchte man meinen. Die jugendliche Energie glüht und so verlieren sie sich ständig in soziologischen und politischen Debatten, bei denen jeder seine angehäufte Expertise an den Kopf des anderen klatschen kann. Über große Verschwörungstheorien wird fabuliert oder über die am wenigsten geistig restringierenden politischen Systeme diskutiert, sowie über die ewige Frage, ob der Mensch eher masochistisch oder philanthropisch veranlagt ist. Zuweilen wirkt das Ganze beinahe wie eine endlose und schematische Podiumsdiskussion, bei welcher die Thematiken stets einen sehr persönlichen Duktus aufweisen und als Streitgespräche jedesmal verlässlich in hitzigem Gemüt enden. So nimmt das Ganze dann auch bald intimere Züge an: Bald werden Diskurse zu genetischer Kompatibilität, Seelenverwandtschaft, Polygamie und Drogen geführt – ‚Gott und die Welt‘ eben. Auch wenn das Ganze höchst interessant ist, bleibt nur selten eine Endnote, ein Resultat, eine Einigkeit bestehen. Das erinnert nicht von ungefähr an tatsächliche Gespräche über derart komplexe Streitfragen (möglicherweise wurden stellenweise Texte improvisiert?), führt aber im kinematografischen Rahmen zu nichts. Dass diese existentialistischen und temperamentvollen Überzeugungen derart gut geschriebener Charaktere damit nur als Mittel zum Zweck verkommen, ist dann doch recht ernüchternd.

© Alamode Film

Umso besser jedoch funktioniert die sich anbahnende Liebschaft von Jule und Jan (=Stabreim), welche ohnehin von Anfang an wie für einander bestimmt wirken: Poetisch, aber doch wie aus dem Leben gegriffen. Bevor diese zwei Seelen sich allerdings auf romantischer Ebene finden können, muss eben ein etwas künstlich langgezogener Trip durch die Länder zum Wohl der Spielfilm-Laufzeit herhalten (inklusive einer abwechslungsreich bunten Mischung aus Landschaften: Wald, Meer, Gebirge, etc.). Mala Emde und Anton Spieker sorgen aber durch eine herausragende Performance mit Leichtigkeit dafür, dass keinerlei Längen entstehen: Authentisch energiegeladen und kritisch, aber doch herzerwärmend offenherzig und schlicht greifbar verknallt in das Gegenüber geben sie die weltoffenen Archetyp-Studenten. Nicht nur einmal könnte man einfach so dahinschmelzen, auch wenn einige etwas zu hoch gegriffene ‚feel good‘-Montagen und das konventionelle und uninspirierte 08/15-Gitarrengeklimper im Hintergrund auf recht lieblose Weise im Gesamteindruck mitmischen. Solche Ungereimtheiten, genauso wie die zur ansonsten vogelfreien Inszenierung sehr disharmonischen dramaturgischen Patzer (z.B. die Klischee-Rettung vor einer Vergewaltigung in letzter Sekunde) werden schnell wieder ausgeblendet – schließlich will man nicht den nächsten charismatischen Blickwechsel (oder eben die nächste fieberhaft verbale Schlacht, je nachdem) der beiden ungewöhnlich polar-dipolaren Turteltäubchen verpassen.

© Alamode Film

Fazit: „303“ ist ein liebevoller und emotional ergreifender Hybrid, irgendwo zwischen ‚Roadmovie‘, ‚Coming-Of-Age‘, Romanze und Grundsatz-Debatten-Spektakel, der allein aufgrund eines starken Leinwand-Pärchens und eines inszenatorisch unheimlich eigenwilligen Stils den Kinobesuch unbedingt wert ist, inhaltlich aber eigentlich auf ein und derselben Stelle rotiert und mit seinen Disputen sicherlich keine augenöffnenden neuen Weisheiten offenbart – aber so tut als ob.

(3,5 / 5)